Diversifikation – eine abstrakte Betrachtung 

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Eine oft gesuchte Eigenschaft bei Anlagen ist Diversifikation – das Ausbalancieren von Risiken. Aber was genau sucht der Investor, wenn er für sein Portfolio diversifizierende Anlagen sucht? Versuchen wir einmal, das Konzept der Diversifikation von einem abstrakten Standpunkt aus zu analysieren:

Relativität – das Diversifikation-Konzept ist ein relatives: ob eine Anlage diversifizierend ist oder nicht, hängt davon ab, wie das Portfolio des Investors aussieht: Aktien mögen ein Anleihen-Portfolio diversifizieren, für ein reines Aktien-Portfolio haben sie diese Wirkung dagegen kaum.

Information – um eine effektive Diversifikation zu erreichen, muss man genau wissen, welche Risiken im bestehenden Portfolio vorhanden sind. Das setzt voraus, dass man über ein hohes Mass an Transparenz über Portfolio-Positionen verfügt. Bei einem Hedge-Funds-Portfolio mit verschiedenen Hedge-Funds-Strategien ist die Transparenz beispielsweise dann maximal, wenn die Strategien über Managed Accounts implementiert sind. Bei einem Managed Account hat man Einblick in die einzelnen Transaktionen ähnlich wie der private Anleger auf seinem Bankkonto hat. Ist das Portfolio in diese Strategien allerdings via Funds investiert, ist es bereits ungleich schwieriger, die Risiko Landschaft des Portfolios klar zu erkennen. Es ist deshalb schwerer, die optimalen diversifizierenden Anlagen für dieses Portfolio zu identifizieren.

Verstehen – nehmen wir an, dass man über eine vollständige Transparenz hinsichtlich des Portfolios verfügt. Ist man damit automatisch in der Lage, die geeigneten diversifizierenden Anlagen zu finden? Es gibt einige Regelmässigkeiten an den Märkten, welche es erlauben, das Diversifikationspotential einer Anlageklasse gegenüber einer anderen zu schätzen. Diese Diversifikationseigenschaften sind allerdings nicht ein für alle Mal gegeben, sie hängen auch vom aktuellen Marktumfeld ab. Nehmen wir das einfache Beispiel von Aktien und Anleihen: sind die Aktienmärkte unter Druck, geht man generell davon aus, dass Anleihen Investoren einen Schutz bieten; als Ben Bernanke im Mai 2013 aber erstmals über ein potentielles Tapering sprach, erlitten sowohl Aktien- als auch Anleihenmärkte Verluste. Die Angst, dass das wirtschaftliche Wachstum durch die Drosselung des staatlichen Anleiheprogramms gebremst werden könnte und der Rückzug der amerikanischen Zentralbank aus ihrem Anleihekaufprogramm schickten beide Anlageklassen auf Talfahrt. In dieser Marktphase konnte kein Investor vom erwarteten Diversifikationsvorteil profitieren. Das bedeutet, dass man erst dann geeignete diversifizierende Anlagen identifizieren kann, wenn man in jedem Marktumfeld die Zusammenhänge zwischen den Anlageklassen und die Dynamik an den Märkten genau versteht.

Reductio ad absurdum – nehmen wir weiter an, dass vollkommene Klarheit über die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Anlagenklassen in einem bestimmten Marktumfeld herrscht. Wenn man die Ambition hat, das gesamte Portfolio vollständig abzusichern, d.h. für jede Anlageklasse A möchte man eine entsprechende diversifizierende Anlageklasse finden, dann drängt sich die Frage auf, ob sich ein solches Portfolio überhaupt konstruieren lässt? Wenn die Anlageklasse A(1) durch A(2) diversifiziert wird, dann sucht man die Anlageklasse welche A(2) diversifiziert, sagen wir mal A(3); dann sucht man für A(3) die geeignete diversifizierende Anlageklasse, und diese nennen wir A(4), usw. Die Frage lautet: ist diese Kette in sich geschlossen oder werden immer Restrisiken im Portfolio bleiben, die man nicht diversifizieren kann?

Betrachtet man Diversifikation von diesem abstrakten Standpunkt aus, erkennt man welche Bedingungen erfüllt werden müssen, um einen idealen Diversifikationsvorteil zu erreichen und welche Fragen entstehen, wenn man das Konzept im Portfolio-Kontext konsequent anwendet. Nichtsdestotrotz kann man in der Praxis diversifizierte Portfolios konstruieren, welche den Investoren einen gewissen Schutz für verschiedene und schwierige Marktphasen bieten. Das vollständige Wissen über die Zusammensetzung des bestehenden Portfolios und über die genaue Dynamik aller Anlageklassen ist nicht unbedingt notwendig, um eine gute Diversifikation zu erreichen. Als Werkzeuge in der Portfolio-Konstruktion sind langjährige Erfahrung in der Praxis und ein tiefes Verständnis der Märkte hinreichend.

Leselinks:
Oskar Streiter untersucht auf dem Blicklog Diversifikation anhand von amerikanischen Statistiken (11.07.2014): Warum Diversifikation sinnvoll ist.

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 19. September 2014 | Die Börsenblogger
  2. Pingback: Diversifikation – eine empirische Betrachtung « LGT Finanzblog

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