Effizienz als Wachstumsfalle 

Wunsch und Wirklichkeit von Effizienzmassnahmen klaffen oft weit auseinander. Ein Blick auf die Industriegesellschaft in den letzten 150 Jahren macht deutlich, dass der Energieverbrauch entgegen allen Fortschritten in der Produktivität laufend steigt. Die Effizienzrechnung geht demnach nicht auf. Planen wir etwa unter falschen Annahmen?

Der Rebound-Effekt: Eine vergessene Nebenwirkung

Der britische Ökonom William Stanley Jevons hat Mitte des 19. Jahrhunderts in «The Coal Question» festgehalten, dass die Energienachfrage aufgrund von Effizienzgewinnen nicht abnimmt, sondern steigt. Für ihn ist es «eine völlig irreführende Mutmassung anzunehmen, dass die wirtschaftliche Nutzung von Brennstoffen mit einem geringeren Verbrauch einhergeht. Das genaue Gegenteil ist der Fall.» Bis heute ist seiner als «Rebound-Effekt» bekannten These nichts entgegenzusetzen – ein Paradox? Nein, der Rebound folgt der banalen Logik, einen Produktivitätsvorteil in die Weiterentwicklung zu reinvestieren oder den Gewinn mitzunehmen und anderweitig mehr nachzufragen. Dieser Bumerang des Effizienzgewinns lässt sich an folgendem Beispiel zeigen: Wer etwa seine Energiekosten senkt, weil er sein Haus dämmt, ein sparsameres Auto fährt oder ein effizientes Haushaltsgerät einbaut, nutzt seine gestiegene Kaufkraft unter Umständen dazu, im nächsten Sommer zusätzlich in den Urlaub zu fliegen. Der Gesamtenergieverbrauch steigt.

Der springende Punkt

Trotz seiner nach wie vor bestehenden Aktualität wird der «Rebound-Effekt» im Management kaum berücksichtigt. Warum? Der Grund ist einfach und klar: Wird nämlich die Verknappung von Produktionsfaktoren im ökonomischen Kalkül berücksichtigt, ist Wachstum nicht mehr das Ergebnis der Nachfragedeckung, sondern eine Funktion von Produktionseffektivität im Verhältnis zu den verwertbaren Ausgangsstoffen. Wir können hierzu zwei Zustände unterscheiden:

1) Lineare Wachstumsphase
Die Wachstumsgeschwindigkeit ist maximal. Die Produktionsfaktoren liegen in Hülle und Fülle vor, und alle Kapazitäten sind voll ausgelastet. Die Geschwindigkeit des Wachstums hängt in dieser Phase nur von der Effektivität in der Herstellung ab. Das Wachstum ist also unabhängig von der Verfügbarkeit der Ausgangsstoffe (Reaktion nullter Ordnung).

2) Nichtlineare Wachstumsphase
Mit der zunehmenden Zahl der Endprodukte nimmt die Verfügbarkeit der Produktionsfaktoren ab. Am springenden Punkt wird Knappheit spürbar. Die Verbesserung der Produktionseffektivität alleine reicht nun nicht mehr aus, um die Wachstumsgeschwindigkeit maximal zu halten. Die Verfügbarkeit der Ausgangsstoffe ist nun ebenfalls wachstumsbestimmend (Reaktion 1. Ordnung).

Folgende Abhängigkeitsbeziehung ergibt sich, wenn die Anfangsgeschwindigkeit des Wachstums gegenüber der Konzentration von Produktionsfaktoren aufgetragen wird:

Grafik_Effizienzfalle

Abb.1: Ökonomisches Wachstum als Umsatzgeschwindigkeit der Produktionsfaktoren zum Endprodukt: Liegen Produktionsfaktoren in Hülle und Fülle vor, ist die Wachstumsgeschwindigkeit nur von der Produktivität abhängig (lineares Wachstum). Nimmt die Zahl der Produktionsfaktoren ab, ergibt sich die Wachstumsgeschwindigkeit aus dem Verhältnis von Produktivität zur Konzentration der Produktionsfaktoren (nichtlineares Wachstum). In dem Punkt, in dem die Wachstumsgeschwindigkeit die Hälfte der Maximalgeschwindigkeit erreicht, liegt die Hälfte des eigentlichen Produktionspotenzials brach.

Wege aus der Nullwachstumsfalle

Wird das ökonomische Wachstumsmodell konsequent zu Ende gedacht, ist die höchste Entwicklungsstufe ein marktpolitisch völlig unsinniges Fliessgleichgewicht: Die Neuproduktion von Gütern hält sich die Waage mit der laufenden Zerlegung von alten Produkten zu immer neuen Grundrohstoffen. Alle verfügbaren Produktionsfaktoren werden dabei bis zur Unwirtschaftlichkeit ausgenutzt.
Gibt es Auswege aus der Nullwachstumsfalle? Ja. Werden Produktionsfaktoren in einer Ökonomie knapp, führt die Produktivitätssteigerung nicht mehr zum Wachstumsoptimum. Das heisst Effizienzexzesse allein bringen uns nicht weiter. Um der Stagnation zu entgehen, bleibt uns nichts anderes übrig, als die tradierten Business Cases in grundlegenden Alternativen zu denken. Transformativ zu führen wird dabei zur wichtigsten Schlüsselqualifikation des Unternehmers, um gänzlich neue Spannen zwischen Endprodukten und seinen Ausgangsfaktoren zu kreieren – Das Motto lautet: «Denke an den Vorsprung in der Welt von morgen, nicht an höchste Performance in der Technologie von gestern.»

Auf die Suche nach neuen Gradienten des Wachstums mache ich mich in meinem nächsten Blogbeitrag.

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