Eiffelturm günstig abzugeben: Die beispiellose Karriere des Gauners Victor Lustig

Eiffelturm günstig abzugeben: Die beispiellose Karriere des Gauners Victor Lustig 

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„Think big“ ist die Maxime von Geschäftsleuten und jenseits der Grenzen des Gesetzes. Der Hochstapler Victor Lustig dachte noch viel grösser – so gross wie der höchste Turm der Welt.

Pomadisiertes Haar, Anzug und Krawatte: Das Pressefoto in der Abendausgabe des „Public Ledger“ Philadelphia von 1935 zeigt einen eleganten, aber unauffälligen Herrn. Der angebliche „Count“ Victor Lustig verliert seine Fassung auch während des Verhörs durch zwei New Yorker Agenten des Secret Service nicht und beharrt auf seiner Unschuld. Die Beweise aber sind erdrückend: Bei seiner Verhaftung trug Lustig den Schlüssel für ein Schliessfach am Times Square bei sich, in dem die Ermittler 51 000 gefälschte Dollar finden sollten, mitsamt den dazugehörigen Druckstöcken.

Es ist das Ende einer beispiellosen Gaunerkarriere. Victor Lustig, 1890 als Sohn des Bürgermeisters im böhmischen Arnau geboren, geniesst eine vorzügliche Ausbildung und spricht fünf Sprachen fliessend. Diebstähle hier, Betrügereien da – schon mit 22 Jahren kennt er Gefängnisse in Prag, Wien, Klagenfurt und Zürich von innen. Ein Studium an der Pariser Sorbonne nutzt Lustig allem voran zur Perfektionierung seines Billard-, Bridge- und Pokerspiels; Kenntnisse, die er mit Schummeleien auf den grossen Überseedampfern zu Geld macht. 1920 reist Lustig zum ersten Mal in die USA und nennt sich ab sofort „Graf“. Er ist ein Meister seines Fachs: Menschenkenntnis und Noblesse öffnen ihm alle Türen. Er verkauft angeblich selbst entwickelte Gelddruckapparate, die aus einer Hundertdollarnote im Handumdrehen deren zwei machen sollen, und gibt „todsichere“ Tipps bei Pferderennen, um sich anschliessend mit den Wetteinsätzen aus dem Staub zu machen.

Fünf Jahre später, zurück in Paris, nimmt er seinen grössten Coup in Angriff. Der Eiffelturm, 1889 für die Weltausstellung erbaut und ursprünglich nur als Provisorium gedacht, rostet er seit Jahrzehnten vor sich hin; schon lange wird über einen Abriss debattiert. Lustig schlüpft in die Rolle eines hohen Ministerialbeamten – und schreibt den Eiffelturm, auf gefälschtem Briefpapier, kurzerhand zum Verkauf aus. Sechs Pariser Schrotthändler gehen dem vorgeblichen Vizegeneraldirektor auf den Leim und erscheinen im prestigeträchtigen Hotel de Crillon an der Place de la Concorde, um über den Preis für die 7000 Tonnen Stahl zu verhandeln. Listenreich drängt Lustig André Poisson, einen unsicheren Neuling im Schrotthandel, zur Unterschrift und setzt sich mit der Kaufsumme von umgerechnet 50 000 Dollar nach Wien ab. Der Handel fliegt rasch auf, doch aus lauter Scham verzichtet der geprellte Poisson auf eine Strafanzeige.


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Lustig wird immer dreister. Nur einen Monat später versucht er, den Eiffelturm-Deal zu wiederholen, doch diesmal schöpft einer der Kaufwilligen Verdacht. Lustig flieht, wiederum als „Graf“, zurück in die USA, um mit viel psychologischem Geschick Geschäftsleute – darunter sogar den Gangsterboss Al Capone in Chicago höchstpersönlich – mit allerlei Gaunereien über den Tisch zu ziehen. Indes, für einen Betrüger von Lustigs Format ist das bloss Kleingeld, verlegt er sich mit einigem Erfolg aufs Fälschen von Banknoten. Einer Sonderkommission des Secret Service geht Lustig schliesslich ins Netz; in seiner Brieftasche findet sich der verräterische Schliessfachschlüssel. Am Vortag des Prozesses gelingt Lustig zwar mit zusammengeknoteten Bettlaken eine filmreife Flucht, doch keinen Monat später wird er erneut verhaftet und zu 15 Jahren Haft in Alcatraz verurteilt. Hier wird Lustig an einer Lungenentzündung erkranken und 1947 sterben.

Der Beamte, der den Totenschein ausfüllt, gerät bei der Rubrik „Beruf“ ins Stocken – und notiert nach langem Zögern „Apprentice Salesman & Counterfeiter“; „Verkäuferlehrling und Geldfälscher“.

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