Eigenheim aus dem Versandhauskatalog

Eigenheim aus dem Versandhauskatalog 

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Die grösste Investition im Leben der meisten Menschen ist die ins eigene Einfamilienhaus. Doch der Preis dafür – eine beträchtliche Verschuldung – ist hoch. Der amerikanische Konzern Sears wollte das ändern: mit einem Eigenheim aus dem Versandhauskatalog.

„The big book“ nannte der Volksmund den mächtigen Versandhauskatalog des amerikanischen Versandhauskonzerns Sears. 2300 angepriesene Produkte auf 1400 Seiten – ein gewichtiger Band fürwahr. Von der Armbanduhr, dem Büstenhalter, dem Potenz-Elektrogürtel bis hin zum Traktor und zum lebendigen Küken: Nichts, was Sears nicht auf briefliche Bestellung liefern konnte. Neben der Bibel war der Katalog Amerikas meistgelesenes Buch, und Sears wuchs zum Milliardenkonzern heran. „Wo Amerika einkauft“, lautete das selbstbewusste Firmenmotto.

Dutzende verschiedener Haustypen

Nur ein Gut, das kostspieligste im Leben der meisten Menschen überhaupt, hatte der Sears-Versand nicht zu bieten: das Eigenheim. Das wollte Firmengründer Richard Sears 1908 ändern. Bausätze für Häuser waren nichts Neues, aber noch keiner hatte es gewagt, ein ganzes Einfamilienhaus per Versandhauskatalog anzubieten. Dabei hatte Sears weniger kostengünstiges Bauen im Sinn als vielmehr eine „lebenslange Zufriedenheit“ der Bauherren: „Jedes Haus, das wir verkaufen, wird eine dauerhafte Werbung für den Konzern sein“, schrieb er in der 1918 erschienenen Firmengeschichte. Schon der allererste Sears-Spezialkatalog für Häuser enthielt 44 verschiedene Haustypen zu einem Preis von 360 bis 2890 Dollar, was heute 10 000 bis 80 000 Dollar entspräche. Der Ziegelstein-Bungalow „Modern Home“ zum Preis von 945 Dollar zum Beispiel, laut Katalog „ein ideales Sommerhaus“, bot eine Grundfläche von 94 Quadratmeter, sechs Zimmer, dazu einen Salon mit offenem Kamin, eine Wohnküche sowie eine grosse, von Holzsäulen getragene Veranda.

Günstig, aber keineswegs billig

Ein eigenes Haus aus dem Katalog, enorm kostengünstig und frei Wohnort geliefert? Das Angebot schlug ein wie ein Blitz. Als erstes zahlte der Käufer einen Dollar ein, worauf er einen detaillierten Bauplan zugeschickt bekam. Bestätigte er seine Bestellung, schickte Sears einen Güterwaggon auf die Reise zum nächstgelegenen Bahnhof, der Zehntausende Einzelteile mit einem Gewicht von Dutzenden Tonnen enthielt: Zementsäcke, Bretter in allen Grössen, Hunderte Kilogramm Nägel, Türklinken, Schubladenknöpfe. Laut der ledergebundenen Schritt-für-Schritt-Anleitung sollte der Bau ein „ein angenehmes, einfaches Unterfangen“ werden: Sears versprach, dass ein jeder – auch ohne fremde Hilfe und mit nur durchschnittlichem Können – sein Haus in weniger als 90 Tagen fertigstellen könne. (Was allerdings längst nicht alle Käufer wörtlich nahmen: Die meisten liessen sich ihr Sears-Haus von örtlichen Zimmerleuten zusammenbauen.)

Das Eigenheim aus dem Katalog war zwar günstig, aber keineswegs billig: „Viele der Sears-Häuser bestanden aus Baumaterialien der besten damals verfügbaren Qualität. Es ist nicht ungewöhnlich, Sears-Häuser mit Eichenparkett, Täfer aus Zypressen- oder Schindeln aus Zedernholz anzutreffen“, schreibt das Magazin „Popular Mechanics“. Bis 1940 sollte Sears über 70 000 Häuser in 447 verschiedenen Ausführungen verkaufen, von der Doppelgarage „The Tudor“ über die Südstaatenvilla „The Magnolia“ bis hin zum 11 500-Dollar-Schulhaus „Schoolhouse No. 5008“ mit sechs Klassenräumen, Schulbüro und Auditorium.

Indes: Genaue Verkaufszahlen fehlen. 1940 gab Sears das Geschäft mit den Versandhäusern auf, und wenige Jahre später lief eine grossangelegte Aufräumaktion im Hauptsitz in Chicago aus dem Ruder: Sämtliche Sears-Home-Verkaufsunterlagen wurden entsorgt. Erhalten geblieben sind dagegen die Kataloge: eine eindrucksvolle Galerie der Immobilienträume von einst.

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