Eine ungewöhnliche Wette

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Warum man den Effekt von Zinseszinsen nicht unterschätzen sollte

Als ich kürzlich eine alte Korrespondenzmappe durchstöberte, stiess ich auf einen Brief meines Vorfahren Henry Spelman an seinen Broker. Er bittet diesen, 300 Pfund in britische Staatschuldverschreibungen zu investieren. Deren Preis sei so tief, dass er statt den 3% nominalen Zinsen real beinahe 6% verdienen und im Fall eines Friedenschlusses sogar einen grösseren Gewinn erzielen könne. In anderen Worten, die Staatschuldverschreibungen wurden zu diesem Zeitpunkt zu lediglich 50% ihres Nennwerts gehandelt.

Um den Krieg gegen Napoleon zu finanzieren, verschuldete sich die damalige Regierung schwer und musste deshalb immer höhere Zinsen bezahlen. Die steigenden Zinsen drückten auf die Kurse der bestehenden Staatsschulden. Die Spekulation auf Staatsschulden konnte deshalb sehr lukrativ sein. Die berühmte Familie Rothschild erfuhr im Jahr 1815 vor allen anderen Marktteilnehmern von der Niederlage Napoleons bei Waterloo. Sie kaufte eine beachtliche Menge an Staatsschulden bei tiefen Kursen und machte einen enormen Gewinn, als sich die staatlichen Finanzen auf Grund des Friedens verbesserten und die Kurse der Schuldverschreibungen wieder anstiegen.

Henry’s Brief war im Juli 1797 verfasst worden und der Krieg mit Napoleon sollte noch weitere 18 Jahre andauern. Getilgt wurden die Staatsschulden des Vereinigten Königreichs schliesslich erst im Jahr 2015.

Das brachte mich zum Nachdenken: Was wäre wohl der heutige Wert der damaligen 300 Pfund und wie hätte sich Henry’s Investment bis 2015 entwickelt? Henry war ein Landwirt und beschäftigte Arbeiter, die auf den Feldern arbeiteten. Diese erhielten einen Schilling und Sixpence pro Tag. Heute müsste ein Landwirt einen Mindestlohn von 7.20 Pfund pro Stunde bezahlen – 800 Mal so viel wie ein Arbeiter in 1797 bekam. Nach dieser Rechnung entsprachen die damals investierten 300 Pfund in heutiger Währung 240 000 Pfund.

Für seine Investition von 300 Pfund hätte er 18 Pfund pro Jahr oder 3924 Pfund über 218 Jahre bis zur Rückzahlung von 600 Pfund im Jahr 2015 bekommen. Eigentlich ein schlechtes Geschäft. Wenn man aber zusätzlich den Zinseszinseffekt berücksichtigt, sieht die Rechnung ganz anders aus: Hätte er die Erträge seines ursprünglichen Investments von 300 Pfund zu 6 Prozent über 218 Jahre hinweg reinvestiert, dann wäre der Gesamtwert auf über 98 Millionen Pfund gestiegen!

Allerdings ist das wirkliche Leben komplizierter: Staatschuldverschreibungen wurden während ihrer Lebenszeit zwei Mal umstrukturiert und der Zinssatz sank zuerst auf 2,75 Prozent in 1888 und dann weiter auf 2.5 Prozent in 1903. Hätte er zudem Steuern auf den Erträgen zahlen müssen, hätte sich sein Gewinn weiter reduziert.

Was können wir daraus lernen? Erstens: Henry’s Überlegung, dass sich ein Friedensschluss profitabel auswirken würde, war korrekt. Allerdings denke ich nicht, dass er mit einem Anlagehorizont von 218 Jahren bis zur Rückzahlung gerechnet hatte. Und zweitens: Zinseszinseffekte sind in einer steuerfreien Umgebung überaus beeindruckend.

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