Als die Eisenbahn zur „Zentralbank“ wurde

Als die Eisenbahn zur „Zentralbank“ wurde 

Ab dem 19. Jahrhundert finanzierten manche Eisenbahngesellschaften Investitionen ins Schienennetz, indem sie eigenes „Geld“ ausgaben.

Der denkmalgeschützte Leipziger Hauptbahnhof hält bis heute einen beeindruckenden Rekord. Nicht etwa, was die Zahl der Fahrgäste angeht. In dieser Hinsicht gibt es im Bereich der Deutschen Bahn deutlich stärker frequentierte Knotenpunkte. Doch kann die sächsische Stadt den größten Kopfbahnhof Europas für sich reklamieren.

Teure Bahnverbindungen

Leipzig als Verkehrsknotenpunkt – das beeindruckte schon den Ökonomen Daniel Friedrich List (1789-1846), der – kaum war er in Leipzig angekommen – für eine Eisenbahnverbindung von Leipzig nach Dresden plädierte. Eine entsprechende Schrift veröffentlichte er 1833. Man könnte List als Eisenbahnpionier bezeichnen, doch waren gute Bahnverbindungen für ihn vor allem Mittel zum Zweck: Er forderte leidenschaftlich die Überwindung der innerdeutschen Zollschranken.

Grundsätzlich fand die Idee einer Eisenbahnverbindung zwischen den sächsischen Metropolen Leipzig und Dresden viel Unterstützung. Doch sehr schnell stellte sich die Frage, die Jupp Schmitz mit seinem 1949 erstmals vorgetragenen Karnevalslied zum Evergreen machte: „Wer soll das bezahlen? Wer hat soviel Geld“?

Inspiriert von Friedrich List entschied sich die Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie für eine ebenso ungewöhnliche wie pragmatische Lösung. Das Unternehmen gab unverzinsliche Kassenscheine im Gegenwert von 500 000 Talern aus. Das entsprach einem Drittel des Gesamtkapitals von 1.5 Millionen Talern.

Kilometer statt Cash

Die Eisenbahngesellschaft war sozusagen ihre eigene Zentralbank, denn die ausgegebenen Kassenscheine waren eine Art Geldersatz und wurden daher schon bald Eisenbahngeld genannt. Jedes der am Eisenbahnbau beteiligten Unternehmen brauchte Transportkapazitäten – sowohl für Arbeitskräfte als auch für Material. Das Eisenbahngeld war 40 Jahre lang gültig und konnte bei der Bahn gegen Transportkapazitäten eingelöst werden. Manche Empfänger bezahlten die Rechnungen ihrer Unterlieferanten mit Eisenbahngeld, und sogar der eine oder andere Mitarbeiter soll dieses Kilometergeld der besonderen Art gern akzeptiert haben. Eisenbahngeld wurde im Jahr 1846 auch durch die Anhalt-Köthen-Bernburger Eisenbahn ausgegeben. In der Regel handelte es sich um „Papiergeld“, teilweise um Münzen. Gegenüber der emittierenden Bahngesellschaft galt das Eisenbahngeld als gesetzliches Zahlungsmittel. Sie war also verpflichtet, diesen Geldersatz zu akzeptieren.

Eisenbahngeld aus Hartkautschuk

Auch in der Zeit der Hyperinflation Anfang der 1920er Jahre gab die Deutsche Reichsbahn eigenes Geld aus, darunter sogar solches, das auf Gold lautete und entsprechend wertbeständig war („Oeserscheine“). International machte Eisenbahngeld ebenfalls Karriere, so zum Beispiel in Südamerika, wo dieses Geld teilweise in Form von Münzen aus Hartkautschuk auf den Markt kam. Nur dem Ideengeber Friedrich List verhalf das Eisenbahngeld nicht zu einem Karrieresprung. Eine Manager-Position in einer Eisenbahngesellschaft blieb ihm versagt.

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