Marktausblick: Vernunft statt Panik

Marktausblick: Vernunft statt Panik 

Risikoanlagen aller Art haben sich generell deutlich vom Pandemieschock im Februar und März erholt. Viele Aktienindizes haben die Verluste weitgehend wettgemacht und die grossen amerikanischen Technologie- und Internet-Unternehmen notieren sogar deutlich höher. Die weiter stetig steigenden Fallzahlen kümmern die Märkte nicht sonderlich. Wie geht es weiter?

Die Aktienkurse haben sich vom Tief im März parallel zu den steigenden Fallzahlen der COVID-19-Pandemie erholt (vgl. Grafik 1). Das mag auf den ersten Blick irritieren, erscheint bei genauerer Betrachtung verschiedener Faktoren aber logisch.

Drei Faktoren zur Erholung der Aktienkurse

1. Der historisch extreme Abverkauf von Risikoanlagen zwischen dem 24. Februar und 23. März war eine mittelfristig übertriebene Reaktion des Marktes auf eine Reihe neuer unbekannter Ungewissheiten. Ohne lang zu überlegen wurde zunächst einmal Risiko abgebaut.

2. Inzwischen wissen alle Beteiligten viel mehr als zu Beginn der Pandemie – sowohl über den Virus als auch über die diversen Konsequenzen. Wir können die wirtschaftlichen Folgen besser einschätzen, haben eine Vorstellung über das Leben in Zeiten einer Pandemie und dürfen mit einer gewissen geduldigen Zuversicht auf Durchbrüche in der medizinischen Forschung hoffen.

3. Für die Märkte besonders wichtig: Wir wissen, dass die Wirtschaftspolitik diesmal anders als während früherer Krisen reagiert hat. Insbesondere im Vergleich zu 2008 (Kollaps der US-Ramschhypotheken) oder von 2011 (Euroschuldenkrise) haben die meisten Länder während der Pandemie sowohl monetär als auch fiskalisch sehr schnell und grosszügig reagiert.

Hierzu nur ein Beispiel aus Europa: Während der Euroschuldenkrise erhöhte die Europäische Zentralbank anfänglich sogar die Leitzinsen, was den schwächeren Schuldnern die Refinanzierung in schwierigen Zeiten zusätzlich erschwerte. Anschliessend wurden den klammen Ländern drakonische Sparprogramme vorgeschrieben. Vom quantitativen Lockerungsprogramm wurden sie ausgeschlossen. Heute können selbst die finanzschwachen südeuropäischen Länder mit den fiskalisch grosszügigsten Staaten wie USA, Kanada, Japan oder Australien mithalten, dank den Zuschüssen aus dem gemeinsamen Budget der Europäischen Union (vgl. Grafik 2).

Nur der erste Schock ist überwunden

Eine vollständige Entwarnung stellt all dies freilich noch nicht dar. Die Märkte notieren schliesslich immer noch – wenn wir von der Handvoll US-Megakonzerne absehen – in der Regel tiefer als zu Beginn des Jahres. Der Virus ist noch immer unter uns und die Wirtschaftspolitik muss erstmal vernünftig umgesetzt werden, bis sie Früchte trägt. Kollateralschäden aufgrund von Überschuldung können auch nicht ausgeschlossen werden.

Der Markt hat lediglich den Schock aus der Zeit, als Coronavirus und Wirtschaftspolitik noch weitestgehend unbekannte Faktoren darstellten und Worst-Case-Szenarien avisiert wurden, überwunden. Das ist ein erster Schritt. Bevor wir jedoch weitere deutliche Zugewinne als fundamental gerechtfertigt betrachten können, muss etwas Zeit vergehen. Den schlimmsten Fall haben wir wohl tatsächlich vermeiden können. Nun braucht es aber wieder konkrete Hinweise, dass die beschlossenen, massiven fiskalischen und monetären Expansionsprogramme auch als mittelfristiger Sicht die Realwirtschaft stabilisieren werden – ohne gefährliche Nebenwirkungen zu entfalten.

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