Erleben wir das Ende der Goldhausse? 

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Die jüngste – heftige – Korrektur des Goldpreises hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Viele Beobachter suchen nach Erklärungen für diese Entwicklung. Einige erkennen in der schwindenden Attraktivität des Goldes als inflationssicherer Anlage ein Signal für wachsende Disinflation oder sogar Deflation. Die Reflationspolitik der Notenbanken, die genau dieses Szenario verhindern sollte, wäre demnach gescheitert.

Ist die Goldhausse vorbei? Sehr langfristige Entwicklungen können in dieser Frage eine gute Orientierung bieten. Betrachten wir die Entwicklung des Preises von einer Unze Gold in US-Dollar seit 1969 (vgl. Grafik):

Gold: Hausse- und Baissephasen seit 1969

 

Gold: Hausse- und Baissephasen seit 1969

Quelle: Bloomberg, LGT Capital Partners
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Drei Phasen sind erkennbar:

1) Hausse 1969-1980 – Geldentwertung und Inflation
2) Baisse 1980-1999 – Disinflation*, gefolgt von «Goldilocks»
3) Goldhausse seit 1999 – kreditgetriebener Immobilienboom und Reflation** nach 2008

Erste Goldhausse: Geldentwertung und Inflation

Die USA heben Anfang der siebziger Jahre unilateral die direkte Umtauschbarkeit des US-Dollars in Gold auf («Nixon-Schock»). Der Goldstandard wird damit endgültig über Bord geworfen. Der US-Dollar wertet stark ab. Diese Phase ist mit der aktuellen Situation vergleichbar: Die Wirtschaftspolitik strebt primär Wachstum an und geht dabei Inflationsrisiken ein. In den 1970er Jahren soll es den Vietnamkrieg ohne Reduktion anderer Staatsausgaben finanzierbar machen. Das Ende der Goldhinterlegung des US-Dollars bot eine Lösung. Der Preis dafür war die Inflation. Die Inflationsrate stieg von 1974 bis 1980 von durchschnittlich rund 4 Prozent auf 14 Prozent.

Goldbaisse: Disinflation, gefolgt von «Goldilocks»

In der Zeit von US-Präsident Ronald Reagan und US-Notenbankchef Paul Volcker wendete sich das Blatt. Fortan war Inflationsbekämpfung angesagt. Die US-Inflationsrate fiel bis 1991 wieder auf unter 4 Prozent zurück und blieb danach tief. Es folgte der Wirtschaftsboom der 1990er – unter Präsident Bill Clinton genossen die USA hohes, produktivitätsgetriebenes Wachstum ohne hohe Inflation. Die Staatsschulden gingen rasant zurück, der Haushalt wies am Ende Überschüsse aus. Man sprach vom Idealzustand einer «Goldilocks Economy».

Erneute Goldhausse: Kreditgetriebenes Wachstum und Reflation

In den sorglos optimistischen «Goldilocks»-Jahren wurde unter Notenbankchef Alan Greenspan allerdings ein nicht unproblematisches Verhaltensmuster angenommen: Wenn es Probleme gab, senkte die Notenbank immer die Zinsen, um Finanzmarkt und Konjunktur wieder auf Trab zu bringen. Nicht die Inflationsbekämpfung, sondern die kreditgestützte Wachstumsstimulation stand nun im Vordergrund. So wurde in den USA nach dem Ende des Internetbooms 2000 einfach ein neuer Boom geschaffen: der Häuserboom. Als auch dieser 2008 endete, wurde noch ein «Zacken» zugelegt und fortan «quantitative Lockerung» betrieben (Kauf von Wertpapieren mit neu geschaffenem Notenbankgeld).

Goldhausse: Gebremst, aber nicht vorbei

Wir befinden uns also in einer Phase, in der Wachstumsstimulation im Vordergrund und Inflationsbekämpfung im Hintergrund steht. Die Goldhausse dürfte daher grundsätzlich intakt geblieben sein. Wir können nicht ausschliessen, dass die jüngste Goldkorrektur tatsächlich eine bedeutende wirtschaftspolitische Wende wie jene von 1979/1980 vorweggenommen hat. Es ist möglich, dass der Markt in seiner «kollektiven Weisheit» bereits Visionen hat, die den meisten Analysten noch gänzlich fehlen. Wir müssen die Marktsignale respektieren. Trotzdem: Solange es keine weiteren stichhaltigen Indizien in diese Richtung gibt, dürfte es sich nicht um eine Trendwende, sondern um eine temporäre Marktlaune handeln.

* Finanz- und/oder Geldpolitik, die angewendet wird, um die nominale Gesamtwirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft zu steigern und die Auswirkungen einer Deflation (Preisverfall) zu bekämpfen. Massnahmen wie Steuersenkungen, Zinssenkungen, schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme, oder der Kauf von Wertpapieren durch die Notenbanken können ergriffen werden. In früheren Zeiten gehörte auch die – temporäre – Aufhebung der Hinterlegung von Währungen durch Edelmetalle dazu.

** Reflation: Eine Verlangsamung der Preisinflation. Auch eine Phase, in der die Inflationsrate sinkt.

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