Ethik als Asset: Warum Investoren auf soziale Standards drängen sollten

Ethik als Asset: Warum Investoren auf soziale Standards drängen sollten 

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Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wo und wie Ihr Portfolio-Unternehmen produziert oder produzieren lässt? Soziale Standards in der Lieferkette waren für viele Unternehmen und Investoren lange Zeit «Orchideenthemen» ohne wirtschaftliche Bedeutung. Allmählich werden sie Erfolgsfaktoren fürs Geschäftsmodell.

Die Textil- und Nahrungsmittelindustrie ernten seit einigen Jahren negative Schlagzeilen. Nicht-Regierungsorganisationen, Kunden, Konsumenten und Investoren machen Druck, endlich die Arbeits- und Sicherheitsstandards in China, Vietnam, Burma, Bangladesch und anderen Ländern zu verbessern. Die Rana-Plaza Tragödie machte sichtbar, dass ein Lieferantenrisikomanagement zur Minderung des Reputationsrisikos, aber auch des Finanzrisikos beiträgt. Soziale Medien haben zusätzlich dazu beigetragen, dass sich Unternehmen nicht mehr aus der Verantwortung stehlen können, und dass Kunden und Konsumenten vermehrt Massnahmen fordern und Ausbeutung nicht mehr akzeptieren.

Wie sich soziale Standards auszahlen

Klar ist: Für multinationale Unternehmen ist es nicht einfach, Transparenz in ihre Lieferkette zu bringen. Grosse Konzerne haben oft mehr als 100 000 Lieferanten und Sub-Lieferanten. Trotzdem tut ein Unternehmen gut daran, kritische und risikoreiche Zulieferer zu identifizieren, sowie die ökonomischen, ökologischen und sozialen Risiken zu bewerten und klassifizieren und diese in einem Lieferantenrisikomanagement abzubilden. Auch für Investoren zahlt es sich deshalb aus, Unternehmen im Portfolio auf die Finger zu schauen und ein solches Management einzufordern. Die Einsparungen in diesem Bereich zahlen sich nicht aus, denn die Kosten für einen möglichen Reputationsschaden sind um ein Vielfaches höher.

Branchentrends als Problem – und Lösung

Eigentlich gebietet die Geschäftsethik, Arbeiter menschenwürdig zu behandeln, faire Arbeitsbedingungen zu garantieren und die Arbeit anständig zu entlohnen. Leider ist dies aber vor allem in Entwicklungsländern, wo viele Zulieferer grosser Unternehmen ihren Sitz haben, nicht der Fall. Häufig drückt der Preiskampf innerhalb einer Branche soziale Standards und Unternehmen scheuen davor zurück, aus diesem «Kartell der niedrigen Standards» auszubrechen. Eine Möglichkeit, dies zu ändern ist, sich an Brancheninitiativen zu beteiligen. Lieferanten können so durch Schulungen regelmässig auf die Themen Menschenrechte, Kinderarbeit, Klimawandel etc. aufmerksam gemacht und verpflichtet werden, mindestens die 10 Prinzipien des UN Global Compact einzuhalten, wie dies auch die LGT im Rahmen ihrer Nachhaltigkeitsbestrebungen macht. Auf diese Weise kann sich der Gruppendruck in eine positive Dynamik verwandeln: Einzelne Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, soziale und ethische Standards aus ihrer Lieferkette auszublenden, wenn alle anderen diese implementieren.

Investoren: Chancenmanagement statt Risikomanagement

Investoren spielen eine Schlüsselrolle bei der Implementierung sozialer und ethischer Standards. Sie setzen die Agenda für ihre Portfolio-Unternehmen. Sie definieren Chancen und Risiken und letztlich die Bedeutung von Menschenrechten, Kinderarbeit und Umweltverschmutzung im Geschäftskonzept der Unternehmen. Pointiert ausgedrückt, definieren sie damit Chancen, Risiken und Standards in der Lieferkette ihrer Unternehmen. Fehlende Standards bei Zulieferern werden dabei zunehmend zu einem Geschäftsrisiko und müssen eingedämmt werden. Auch auf Investorenseite ist ein gewisser Gruppendruck hilfreich: Wenn mehrere Aktionäre auf soziale Standards drängen, wird Ethik zum Asset für Unternehmen und Zulieferer. Auch die LGT verfährt so. Ist ein Unternehmen nicht bereit, Massnahmen zu ergreifen, kann es in letzter Instanz sogar sinnvoll sein, eine Beteiligung am Unternehmen abzustossen.

Mehr Transparenz in der Lieferkette kann auch für kleinere Unternehmen sinnvoll sein. Läderach, ein Schweizer Schokoladehersteller, hat den Weg gewählt, die Lieferkette vertikal zu integrieren. Vertikal integriert bedeutet, dass das Unternehmen genau weiss, woher es seine Rohstoffe bezieht. Es kennt die Kakaobauern, besucht sie regelmässig vor Ort und bezahlt ihnen einen fairen Preis. Zudem unterstützt es die Schulbildung der Kinder, und fördert damit die Bildung vor Ort. Damit leistet es einen Beitrag, Kinderarbeit zu unterbinden.

Mit diesem Wissen kann ich meine Schokolade weiterhin ohne schlechtes Gewissen geniessen, ausser vielleicht, dass sie sich negativ auf meine Hüfte auswirkt. Und wie ist das bei Ihnen?

Nachhaltige Links:

  • Der Schweizer «Kompass für Nachhaltigkeit» unterstützt kleine und mittlere Unternehmen (KMU) auf dem Weg zu einer sozial und ökologisch nachhaltigen Beschaffung.
  • Der Utopia Produktguide hilft Konsumenten, grüne und nachhaltige Produkte aus den verschiedensten Bereichen zu finden:
Es gibt 6 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 16. April 2015 | Die Börsenblogger
  2. Sandra Huber at 09:47

    Der Film China Blue beschreibt die schwierigen Verhältnisse der Arbeiterinnen in der Textilindustrie in China sehr eindrücklich – empfehlenswert!

    http://teddybearfilms.com/2011/09/01/china-blue/

    Zum Thema Schweizer Schokolade: Sehr glaubwürdig erscheint mir der Ansatz von Chocolat Halba, mit ihren Sustainability Core Principles stellen sie mittlerweile sicher, dass sie ihre Lieferkette kennen und das Unternehmen übernimmt aktiv Verantwortung in den Produktionsländern.

    http://chocolatshalba.ch/en/sustainability.html

    • Ursula Finsterwald
      Ursula Finsterwald at 10:12

      Liebe Sandra

      Herzlichen Dank für den Hinweis zum Film China Blue. Es ist wichtig, dass die Arbeitsbedingungen, unter denen Textilarbeiter produzieren müssen, den Konsumenten hier sichtbar gemacht werden. Nur so wird sich etwas ändern.

      Herzlichen Dank auch für den Hinweis zu Chocolat Halba. Es ist wichtig, dass die Hersteller aufzeigen, woher sie ihre Rohstoffe beziehen und dass die Arbeiter faire Löhne erhalten. Chocolat Halba ist diesbezüglich ein Vorreiter.

      Viele Grüsse
      Ursula

  3. Herbert Pucher at 13:49

    Liebe Ursi,

    Herzlichen Dank für diesen Artikel. Hier wird eindrücklich dargestellt, dass Ethik im Geschäftsgebaren einerseits keine Option sondern ein „Must“ ist, dass auch jeder Konsument durch sein Verhalten einen Hebel hat, um Unternehmen zu *motivieren“, diese einzuhalten bzw. dies sicherzustellen und dass andererseits dies eine Seite der „Gold“-Medaille der Nachhaltigkeit ist.

    Liebe Grüsse
    Herbert

    • Ursula Finsterwald
      Ursula Finsterwald at 14:30

      Lieber Herbert

      Herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Ethik im Geschäftsleben ist keine Option, sondern sollte Selbstverständlichkeit sein. Leider wird das von vielen (internationalen) Konzernen nicht als das wahrgenommen. Mit der Forderung – auch von der Zivilgesellschaft – Transparenz in die Lieferkette zu bringen, üben einerseits die Konsumenten Druck auf die Unternehmen aus. Andererseits sollte auch der Investor ein Interesse haben, diese Forderungen zu stellen. Denn es geht neben der ethischen Komponente (Schutz und Gesundheit am Arbeitsplatz und faire Entlöhnung) um eine Kostenkomponente, dem Schutz der Investition.

      Herzliche Grüsse
      Ursi

  4. Pingback: Guter oder schlechter Dollar: Die vergessenen Menschen der Textilindustrie « LGT Finanzblog

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