Der EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums – ein „Game Changer“?

Der EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums – ein „Game Changer“? 

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Der Klimawandel stellt die Weltgemeinschaft vor grosse Herausforderungen. Um diese zu meistern, braucht es die nachdrückliche Unterstützung der Privatwirtschaft. Gerade der Finanzwirtschaft kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu, da diese hilft, das benötigte Kapital in die gewünschte Richtung zu lenken. Die EU arbeitet im Rahmen ihres Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums an verschiedenen regulatorischen Vorgaben, um diese Lenkungswirkung zu unterstützen.

Die Verabschiedung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs) am 25. September 2015 und das Pariser Klimaschutzabkommen vom 12. Dezember 2015 haben ein starkes Signal der Entschlossenheit ausgesandt: Die Weltwirtschaft soll in ein ressourceneffizientes, gegenüber Klimaänderungen robustes und emissionsarmes Wirtschaftssystem umgestaltet und die soziale Entwicklung weltweit entschlossen vorangetrieben werden. Diese Veränderungen benötigen allerdings die Bereitstellung von Kapital für substantielle Neuinvestitionen, weshalb dem Finanzsektor hier eine Schlüsselrolle zukommt.

Vor diesem Hintergrund hat die Europäische Union (EU) zunächst im Dezember 2016 eine Expertengruppe (High-Level Expert Group) ins Leben gerufen, um eine unionsweite Strategie für einen nachhaltigen Finanzsektor zu entwickeln. Basierend auf den Empfehlungen dieser Gruppe hat die EU im März 2018 den Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums vorgelegt. Dieser ist aktuell in Diskussion, mit dem Ziel bis Mai 2019 vom EU-Parlament verabschiedet zu werden.

Die Massnahmen im Einzelnen

Der Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums schlägt folgende vier Massnahmen vor, welche die Finanzwelt nachhaltig umgestalten sollen:

Taxonomie

Als Grundlage des Aktionsplans wird eine Taxonomie erarbeitet, auf deren Basis ein Klassifikationssystem zur Beurteilung der Nachhaltigkeit wirtschaftlicher Aktivitäten geschaffen wird. Finanzinstitutionen und Investoren sollen so Klarheit in Sachen Nachhaltigkeit erhalten und fundiertere Investmententscheidungen treffen können. Diese neue Taxonomie wird unmittelbar Einfluss auf das Angebot und die Anbieter von nachhaltigen Finanzprodukten nehmen.

Offenlegungsverpflichtungen in Bezug auf Nachhaltigkeit

Im Aktionsplan wird zudem vorgeschlagen, Vermögensverwalter, Versicherungen, Pensionsfonds und andere Finanzinstitutionen darüber zu informieren, wie sie Nachhaltigkeitsfaktoren in den Investmentprozess, die Verwaltung von Kundenportfolios oder die Anlageberatung einzubeziehen haben und wie sie dies offenlegen müssen. Hierzu werden detaillierte Regulierungen erarbeitet. Die Offenlegungspflichten sollen für sämtliche Produkte und Dienstleistungen gelten – also nicht nur für nachhaltige Anlagelösungen –, jedoch sind für dezidiert nachhaltige Anlageprodukte weitergehende Offenlegungspflichten geplant.

Vergleichsindizes (Benchmarks) mit geringen CO2-Emissionen

Als dritte Massnahme sollen Vergleichsindizes (sog. Benchmarks) geschaffen werden, die auf möglichst geringe CO2-Emissionen basieren. Die bestehende Regulierung, die Minimumstandards für diese Vergleichsindizes vorgibt, soll durch diese Regelung erweitert werden. Es soll zwei neue Benchmark-Kategorien geben: Zum einen „low-carbon“-Benchmarks, die sich dadurch auszeichnen, dass sie gegenüber Standardbenchmarks deutlich geringere CO2-Emissionen aufweisen, und zum anderen „positive carbon impact“-Benchmarks, die Produkte oder Dienstleistungen erfassen, die mehr CO2-Emissionen einsparen als sie verursachen.

Diese Benchmarks sollen helfen, einen anerkannten Standard zur Bestimmung des CO2-Fussabdrucks eines Unternehmens zu schaffen. Investoren erhalten dadurch transparentere und vergleichbarere Informationen zum CO2-Fussabdruck ihrer Investitionen.

Dienstleistungen, z.B. MiFID II

Als vierte Massnahme arbeitet die EU daran, Nachhaltigkeitsaspekte in bestehende Regulierungen zur Beratung von Kunden im Finanzbereich wie MiFID II zu integrieren. So sollen Nachhaltigkeitspräferenzen der Kunden vor der Auswahl geeigneter Anlageprodukte abgeklärt und mehr Kunden auf nachhaltige Investitionsmöglichkeiten aufmerksam gemacht werden. Anbieter wie Privatbanken oder Versicherungen müssten in diesem Fall ihre Beratungs-und Vermögensverwaltungsprozesse sowie Offenlegungspflichten überarbeiten und mit Nachhaltigkeitskriterien anreichern.

Ein Game Changer!

Die von der EU vorgeschlagenen Massnahmen werden einen grossen Einfluss auf die Finanzindustrie haben, da unterschiedlichste Marktteilnehmer und Finanzdienstleister betroffen sind. Der gesamte Investitionsprozess, beginnend bei der Erstellung von Investment Research über die Verwaltung der Vermögen bis hin zur Berichterstattung und Vermarktung der Produkte und Dienstleistungen muss in Hinblick auf die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien überarbeitet werden. Die Regulierungen betreffen natürlich auch Anbieter ausserhalb der EU, die entweder Nachhaltigkeitsprodukte in der EU vertreiben möchten, oder aufgrund bestehender Kundenbeziehungen in die EU (z.B. Erbringung von Finanzdienstleistungen) den entsprechenden EU-Regulierungen unterliegen.

Insgesamt sind die vorgeschlagenen Regulierungen ein gutes Konzept, um den Umbau der Wirtschaft hin zu mehr Klimaschutz und die Erreichung der nachhaltigen Entwicklungsziele voranzutreiben. Die Regulierung soll hier ein „level playing field“ für die Marktteilnehmer schaffen. Auch die Initiative, einheitliche Standards zu schaffen, wird der Entwicklung nachhaltiger Finanzlösungen dienen und die Akzeptanz und das Verständnis für den Einbezug von Nachhaltigkeitskriterien in Investitionstätigkeiten erhöhen. In Hinblick auf den Klimaschutz kann so sehr schnell ein umfassender Massnahmenkatalog geschaffen werden, der der Dringlichkeit des Problems Rechnung trägt und die Rolle des Finanzsektors in der Umgestaltung der Wirtschaft klar aufzeigt.

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