Europäische Banken – Überlebensfähig oder Funke im Pulverfass?

Europäische Banken – Überlebensfähig oder Funke im Pulverfass? 

Artikel bewerten

Die Europäische Union will krisenfest werden. Zumindest will man diejenigen Krisen vermeiden, die spürbar Geld kosten und damit die Wählerschaft zu Hause verärgern. Dazu werden Regeln und Schutzmechanismen geschaffen, die in jeder Lage todsicher funktionieren. Prominentes Beispiel waren die Maastricht-Kriterien, nun kommt die Bankenunion.

Die Bankenunion besteht aus drei Komponenten: Als wichtigstes Element kann die europaweite Bankenaufsicht gelten, mit Hilfe derer die wichtigsten Banken der Eurozone zentral und daher nach einheitlichen Massstäben überwacht werden. Man kann dies auch als Misstrauensvotum an die Adresse der einzelnen nationalen Überwachungsbehörden verstehen. Zur zentralen Aufsicht hinzu kommen die Elemente eines zentral gesteuerten Mechanismus zur Abwicklung und Schliessung maroder Banken sowie eine einheitliche europäischen Einlagensicherung.

Auch wenn über die Notwendigkeit einer Bankenunion in der EU grundsätzlich Einigkeit besteht, ist die Umsetzung der einzelnen Komponenten in der Praxis Gegenstand hartnäckigen Tauziehens unter den EU-Mitgliedsstaaten wie auch mit den EU-Instanzen. Immerhin wurde das zentrale Element der Bankenunion, die im Single Supervisory Mechanism (SSM) geregelte Bankenaufsicht durch die EZB, im September endgültig auf den Weg gebracht. Zuvor hatte sich die Abstimmung darüber im Europaparlament monatelang hingezogen. Somit ist die EZB ab Herbst 2014 für die Überwachung der 130 grössten Banken der 17 Euroländer verantwortlich.

Die Aufgabe könnte komplexer nicht sein. Denn bevor die EZB Ende nächsten Jahres die Verantwortung für das europäische Bankensystem übernimmt, will sie sicherstellen, dass alle Risiken, die in den einzelnen Geldhäusern schlummern, aufgedeckt und korrekt bewertet werden. Etwaige Kapitallücken, so die Sichtweise der EZB, sollen unter der Verantwortung der jeweiligen nationalen Aufsichtsbehörden und notfalls durch Einspringen des jeweiligen Landes geschlossen werden. Niemand findet gerne später Leichen im Keller, da macht die EZB keine Ausnahme. Zu diesem Zweck wird die EZB bis Anfang 2014 einen sogenannten Asset Quality Review (AQR) durchführen, eine Bilanzanalyse, die die Banken auf eine Reihe von Kriterien hin durchleuchten soll. Und hier beginnen die Details, in denen eine Vielzahl von Teufeln liegen.

Zunächst das Operationelle: Für ihre neuen Aufgaben benötigt die EZB rund 1‘000 neue Leute, davon rund 700 bis 800 Bankenaufseher. Diese werden ergänzt durch rund 200 Juristen, Personaler, Statistiker und IT-Experten. Die neuen Mitarbeiter werden aus 17 verschiedenen Ländern kommen. Sie werden unterschiedlich ausgebildet sein und eine Aufgabe übernehmen, für die es in dieser Form keine Erfahrungswerte gibt und für die im Detail nicht nur die internen Prozessabläufe noch definiert werden müssen. Hinzu kommt die banale Frage, wo die neuen Aufseher untergebracht werden. Denn die neuen Türme, die die EZB gerade in Frankfurt baut, sind zwar 2014 bezugsfertig, aber sie reichen nicht aus.

Die wichtigere Frage wird allerdings sein, welche Punkte die EZB mit dem AQR im einzelnen prüfen wird. Sollen z.B. Banken schlechter bewertet werden, wenn sie die Dreijahres-Kredite der EZB (Long Term Refinancing Operations, LTRO) in Anspruch nehmen? Dies würde spanische und vor allem italienische Banken betreffen, die von den Krediten bisher deutlich weniger zurückgezahlt haben als beispielsweise deutsche oder französische Banken. Hinzu kommen Definitionsfragen, z.B. ab wann ein Kredit als notleidend (non-performing) gilt. Je nach Auslegung kann dies erhebliche Auswirkungen auf den festgestellten Kapitalbedarf einer Bank haben. Ein weiterer Punkt, der in den einzelnen Mitgliedsländern der Eurozone unterschiedlich gehandhabt wird, ist die Risikovorsorge. Im Blog «Bankenanalyse» wird dazu Giovanni Sabatini zitiert, Generaldirektor des Italienischen Bankenverbands, der die Risikovorsorge in Italien für wesentlicher strenger als in Spanien hält. Würde Spanien demnach die gleichen Massstäbe anlegen wie Italien, müsste der Anteil wertberichtigter Ausleihungen an den insgesamt vergebenen Krediten von 8.5% auf 26% steigen.

Grundsätzlich verfolgt der AQR das Ziel, realistische Annahmen für einen späteren Stresstest zu ermöglichen. Bevor die EZB also als Aufseherin die Verantwortung für den europäischen Bankensektor übernimmt, sollen stille Lasten aufgedeckt und eventuelle Kapitallücken festgestellt werden. Dass dies notwendig ist, darüber sind sich zumindest die Vertreter unabhängiger Institutionen einig. So äusserte Andrea Enria, Vorsitzender der European Banking Authority (EBA), im April dieses Jahres, dass die Eurozone in Sachen Abschreibungen und Wertberichtigungen im Vergleich zu anderen Rechtsräumen noch Nachholbedarf habe. Und im Jahresbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) heisst es: «Bei der Abschreibung notleidender Kredite haben die Banken Fortschritte gemacht, wobei die US-Banken den europäischen meist voraus sind. Ungewissheit in Bezug auf die Qualität der Aktiva bleibt in Europa ein grösserer Anlass zur Sorge.» (S. 64)

Zwar sind sich auch die europäischen Geldhäuser durchaus der Problematik bewusst, aber sie behandeln eher die Symptome als deren Ursachen. Dazu wieder die BIZ: «Der anhaltende Abbau von risikogewichteten Aktiva (…) deutet auch darauf hin, dass notleidende Aktiva immer noch nicht vollständig ausgewiesen werden. Kommentare aus dem Markt lassen vermuten, dass dieser Trend grossenteils nicht eine echte Steigerung der Verlustabsorptionsfähigkeit anzeigt, sondern dass die Banken ihre risikogewichteten Aktiva optimieren, d.h. Geschäfte umstrukturieren, um die Eigenkapitalanforderungen zu senken.» (Jahresbericht BIZ, S.66) Statt also die Probleme zu beheben, wird Bilanzkosmetik betrieben. Gleichzeitig werden die Gefahren nicht kleiner: Die EBA äusserte im Juli, dass der Anteil ausfallgefährdeter Kredite in Europa von 6% im Juni 2012 auf 6.3% im Dezember angestiegen sei. Bis 2014 soll der Anteil auf 7.5% steigen. In der Ländern der Peripherie haben die Banken dabei eine grössere Last zu tragen als in den Kernländern der Eurozone.

Bei der Durchführung der Bilanzanalyse offenbart sich also ein grundsätzlicher Interessenkonflikt. Auf der einen Seite hat die EZB ein grundlegendes Interesse daran, den Asset Quality Review streng auszulegen, auf der anderen Seite sind die Banken und ihre nationalen Kontrolleure nicht darauf erpicht, offiziell ihre Versäumnisse der letzten Jahre bescheinigt zu bekommen. So steht zu erwarten, dass die Ergebnisse der Bilanzanalyse und des nachfolgenden Stresstests in hohem Masse der politischen Einflussnahme einer Vielzahl von Interessengruppen ausgesetzt sind.

Dies mag man – in einem ersten Impuls – anprangern. Aber was wäre die Alternativen? Wer erwartet, dass sich der AQR nicht durch übermässige Strenge auszeichnet und nur für vereinzelte Banken einen moderaten Kapitalbedarf enthüllt, schon der darf sich zusammen mit EZB-Präsident Mario Draghi die Frage stellen, wer in welcher Form auf den erkannten Kapitalbedarf reagieren soll. Sollte der Kapitalbedarf hoch ausfallen und die einzelnen Geldhäuser nicht in der Lage sein, ihn über den Kapitalmarkt zu decken, müssten zunächst die einzelnen Staaten einspringen. Danach richteten sich die Augen auf die europäischen Rettungsschirme und spätestens hier stünde zu hoffen, dass der Kapitalbedarf nicht die Kapazität des ESM übersteigt.

Was also ist zu tun?

Es bietet sich die europäische Art der Problemlösung an: Zuerst sollten möglichst viele Lösungsvarianten erarbeitet werden, für welche dann mindestens je zwei Gegen- und Alternativvorschläge gemacht werden. Auf der Basis dieser Diskussionen wird ein Vielzahl an möglichst detaillierten Kompromissen erarbeitet, die einen mehrstufigen Abstimmungsprozess auf höchster Ebene durchlaufen. Wichtig ist dabei, dass am Ende alle Beteiligten mit stolzer Brust zu Hause verkünden können, einen Erfolg erzielt zu haben. Wer dies riskant findet, dem sei Artikel 3 des kölschen Grundgesetzes, und damit einer Stadt aus dem Herzen Europas, empfohlen: Et hätt noch emmer joot jejange.

Leselinks:
Das Mammutprojekt der Bankenaufsicht, FAZ vom 12.9.2013
Europaparlament ebnet Weg für zentrale Bankenaufsicht, FAZ vom 12.9.2013
Gentlemen, start your audits, The Economist vom 5.10.2013

Referenzen zum Download im rechten Tower:
Bank für Internationalen Zahlungsausgleich: Jahresbericht 1. April 2012–31. März 2013, Basel, 23. Juni 2013
Andrea Enria: Progress in banking sector and institutional repair in the European Union, Washington DC, 21 April 2013

Es gibt 1 Kommentar zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 18. Oktober 2013 | Die Börsenblogger

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.