Europäische Finanzplätze: Überdimensioniert, übertrieben oder Erfolgsmodelle? 

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Im Zusammenhang mit der Zypern-Krise war in den letzten Tagen und Wochen häufig auch in Bezug auf die Finanzplätze Luxemburg, Schweiz und Liechtenstein die Wertung „überdimensioniert“ zu hören. Und „überdimensioniert“ wird implizit mit „instabil“ gleich gesetzt.

Richtig, in Luxemburg, der Schweiz und in Liechtenstein leisten die Finanzdienstleistungen einen höheren Beitrag zur Bruttowertschöpfung als im EU-Durchschnitt. In Luxemburg und Liechtenstein entfiel 2010/2011 rund ein Viertel der Wirtschaftsleistung auf den Finanzsektor, in der Schweiz etwa zehn Prozent, im EU-Schnitt sechs Prozent.

Wie verhält es sich nun mit der Stabilität dieser „überdimensionierten“ Finanzplätze?

Auffallend ist, dass der Anteil der notleidenden Kredite in Luxemburg, der Schweiz und Liechtenstein 2011 jeweils unter einem Prozent lag, in der EU konnten da nur gerade Finnland und Schweden mithalten. In Deutschland lag der entsprechende Wert bei drei Prozent, in Frankreich bei vier Prozent und in sage und schreibe zehn EU-Ländern lag die Quote über zehn Prozent. Im Vergleich zu den risikoadjustierten Assets liegt das Eigenkapital von Banken in Luxemburg, der Schweiz und Liechtenstein laut European Banking Federation deutlich über dem EU-Schnitt. Luxemburg, die Schweiz und Liechtenstein erhalten als Schuldner von den Ratingagenturen die höchste Bonitätsnote „AAA“, das sogenannte Triple A. Das erreichen in der EU neben den nordischen Ländern Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland gerade mal die Niederlande, Deutschland und Grossbritannien. Weltweit erhält gerade noch eine Handvoll weiterer Länder das Maximalrating, darunter zwei weitere Kleinstaaten mit einem grossen Finanzplatz: Hongkong und Singapur. Und nicht zuletzt gehörten Liechtenstein, Luxemburg und die Schweiz in der Finanzkrise zu den wenigen europäischen Ländern, in denen der Bankensektor nicht massiv mit Steuergeldern gestützt werden musste. Für die Stabilität eines Finanzplatzes ist also nicht die Dimensionierung ausschlaggebend. Wichtig sind vor allem eine funktionierende Finanzmarktaufsicht und eine solide Gesetzgebung.

An dieser Diskussion zeigt sich die Tendenz, dass die grossen EU-Staaten zunehmend Druck auf die kleinen Finanzplätze ausüben. Dagegen hat sich kürzlich Luxemburgs Aussenminister mit deutlichen Worten gewehrt: „Es kann nicht sein, dass Deutschland, Frankreich und Grossbritannien sagen: Wir brauchen Finanzplätze in diesen drei grossen Ländern und alles andere muss weg.“ In der Tat erfüllen die Finanzplätze Luxemburg, Schweiz und Liechtenstein eine wichtige Rolle im Währungssystem und erleichtern durch ihre starke internationale Ausrichtung den Kapitalverkehr. Sie sind Handelsdrehscheiben und damit ein effektives Glied in der internationalen Arbeitsteilung. Davon profitieren nicht nur die Volkswirtschaften der Standortländer von Finanzplätzen. So beschäftigt zum Beispiel der Finanzplatz Schweiz im Ausland fast gleich viele Mitarbeitende wie im Inland (Quelle: Schweizerische Bankiervereinigung: Der Finanzplatz Schweiz und seine Bedeutung, Juli 2012). Die Perspektive der Finanzplatzkritiker scheint denn auch eher nationalstaatlich oder protektionistisch motiviert zu sein. Es ist diese Hegemoniepolitik in der EU gegen die sich die luxemburgische Regierung stemmt: „Luxembourg will therefore not adhere to policies that intend to renationalize elements of the single market, nor introduce criteria that are contrary to the spirit of the Treaties and detrimental to our economies. The spirit is and must remain European.

Gerade im internationalen Umfeld können regulatorische Eingriffe wettbewerbsverzerrend wirken. Zurückhaltung scheint deshalb angebracht. Sonst müsste die EU mit der gleichen Logik auch andere – gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung – „überdimensionierte“ Bereiche – wie zum Beispiel die deutsche Autoindustrie – stärker regulieren bzw. redimensionieren.

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