Einhörner im Investoren-Zoo

Einhörner im Investoren-Zoo 

4.4 (88.42%) 19 vote[s]

Faktor-Investing liegt im Trend – auch in der Akademie: Regelmässig wird über neue Faktoren berichtet, welche die Performance und Diversifikation von Portfolios ankurbeln sollen.

Faktoren haben den Anspruch, bestimmte Zusammenhänge, Muster oder Strukturen an den Märkten zu erfassen, durch deren Anwendung sowohl eine positive erwartete Rendite als auch Diversifikationsvorteile hervorgebracht werden sollen. Aus den Faktoren werden Investment-Strategien gebildet, und diese konnten in den letzten Jahren die Gunst der Investoren geniessen. Aber auch in der Akademie liegt Faktor-Investing im Trend. Betrachtet man die Anzahl der in akademischen Zeitungen veröffentlichten Faktoren, gab es in den letzten Jahren eine echte Proliferation an quantitativen Strategien (s. Bild unten). Der kanadische Ökonom Campbell R. Harvey spricht in diesem Zusammenhang treffend von einem „Factor Zoo“.

Quelle: A Census of the Factor Zoo, Campbell R. Harvey, Yan Liu – 2019

Die Gründe dieser Entwicklung sind vielfältig, unter anderem forciert das Anreizsystem der akademischen Zeitungen diesen Trend. Sie wollen gerne positive Nachrichten nach dem Motto „Entdeckung eines relevanten, neuen Faktors“ veröffentlichen. Des Weiteren waren die Ergebnisse von diskretionären, aktiven Strategien enttäuschend und begünstigten die Flucht in die „Quant“-Welt. Und nicht zuletzt steigen das Interesse und die Affinität der Investoren zur Anwendung von neuen Techniken, wie z.B. künstlicher Intelligenz bei Investment-Strategien.

Welches auch immer die historischen Gründe für eine solche Entwicklung sind, die Existenz des „Factor Zoos“ verdeutlicht zwei besondere Merkmale der Investorengemeinschaft.

Der Glaube an Backtests

Quantitative Strategien können mit sogenannten Backtests also mithilfe von Daten aus der Vergangenheit getestet werden. Die Qualität dieser Backtests wird von Investoren jedoch kaum geprüft, obwohl es möglich wäre, die statistische Relevanz von solchen Tests zu bestimmen. Vielmehr lassen sich Investoren von einem attraktiven – aber fiktiven – Track Record überzeugen oder besser gesagt blenden.

Die Vielfalt an Faktoren sollte per se jedoch eine gewisse Skepsis hervorrufen. Man sollte sich fragen, ob jeder dieser Faktoren in der Tat eine positiv erwartete Rendite liefern kann und einsehen, dass nicht jeder Faktor in der Lage sein wird, die attraktiven Renditen aus einer Vergangenheit auf Papier in die Zukunft fortzusetzen. Wenn es so wäre, hätte man in solchen Strategien eine wahre Geldmaschine entdeckt. Investoren neigen jedoch dazu, diese Überlegungen in den Hintergrund zu stellen, oder sie gehen davon aus, dass die Diversifikation im Portfolio hinreichend sein wird, um eine genügende Gesamtrendite zu erzielen. Die Auswahl an Strategien muss allerdings gewisse Qualitätskriterien erfüllen, damit sich das gesamte Portfolio überhaupt positiv entwickeln kann.

Der Glaube an die Einzigartigkeit

Ein weiteres Merkmal ist der Glaube an die Einzigartigkeit der Faktoren, der bei den Entwicklern bzw. Entdeckern von quantitativen Faktoren stark verankert ist. Sie gehen davon aus, dass ihre Strategie einen wahren Zusammenhang, eine grundlegende Struktur der Märkte erfasst hat und damit Geld verdient werden kann. Diese Überzeugung ist der Treiber für die notwendige Forschung und Arbeit, welche die Entwicklung einer quantitativen Strategie beansprucht. Allerdings kann diese Überzeugung auch einschränkend wirken. Einerseits neigt man dazu, die Strategie nicht mit weiteren Elementen zu diversifizieren und alles auf eine Karte zu setzen, wenn man der Meinung ist, dass die entwickelte Strategie die „Richtige“ ist. Andererseits erhebt man den Anspruch, etwas gefunden zu haben, das bis anhin noch nicht entdeckt wurde. In diesem Sinne, sieht man den eigenen Ansatz als anders und einzigartig, und man versucht nicht, Gemeinsamkeiten mit bestehenden Strategien zu suchen. Das führt dazu, dass jeder Vertreter eines Faktors seinen berechtigten Platz im „Zoo“ beansprucht.

Gutgläubig und oberflächlich

Ein rasant wachsender „Factor Zoo“ ist daher weniger Ausdruck von fundierten Entdeckungen an den Märkten, sondern eher ein Symptom der Gutgläubigkeit und Oberflächlichkeit, welche Investoren auf der Suche von neuen, vielversprechenden Investmentansätzen charakterisieren. Die Gefahr ist gross, dass sie den Zoo eher mit imaginären Tieren wie Einhörnern als mit realen Wesen bestücken. Und damit sind wirklich die imaginären Tiere aus der Fiktion und nicht die „Einhörner“ gemeint, die man in der Start-up Szene trifft!

Es gibt 1 Kommentar zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 19. Juli 2019 | marktEINBLICKE

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.