Fiskalpolitik und Infrastrukturprojekte zur Wachstumsstimulierung: Fluch oder Segen?

Fiskalpolitik und Infrastrukturprojekte zur Wachstumsstimulierung: Fluch oder Segen? 

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Während Jahren war „Fiskalstimulus“ ein Unwort. Für viele schien die Fiskalpolitik aufgrund der immensen Staatsverschuldung der entwickelten Länder ein klassisches Auslaufmodell zu sein. Das aus dem griechischen stammende Wort „Austerität“ – was so viel wie Sparsamkeit bedeutet – war hingegen bis vor wenigen Quartalen vor allem in der Eurozone in aller Munde. Einige Politiker aus der Kern-Eurozone sahen darin den einzigen Weg, um die Schuldensituation in den Griff zu bekommen. Diese Art der Gesundschrumpfung hatte aber nicht die gewünschten Ergebnisse bzw. Erfolge. Der Kapitalmarkt war weiterhin auf die expansive Geldpolitik angewiesen, damit die globale Wirtschaft wachsen konnte. Seit letztem Sommer kommen jedoch immer mehr Zweifel auf, ob die monetäre Politik überhaupt noch einen nennenswerten Wachstumsimpuls liefern kann. Denn die Resultate – im Speziellen die der Bank of Japan (BoJ) – sind derart bescheiden, dass ein Anzweifeln mehr als gerechtfertigt ist. So musste eine Alternative gefunden werden:

Die Rückkehr der Fiskalpolitik

Im Wahlkampf um das US-Präsidentenamt wurde die Fiskalpolitik wiederentdeckt und zum Leben erweckt – und diese Idee ist gar nicht so abwegig: Betrachtet man die Fiskalausgaben der grossen Industrienationen (G6-Länder) im Vergleich zu deren Bruttoinlandprodukt (BIP), so stellt man fest, dass sich diese auf einem 70-Jahre-Tief befinden. Für Politiker ist es deshalb sehr verlockend, mit diesem Griff in die Trickkiste kurzfristig vor den Problemen einer ineffektiven Geldpolitik abzulenken und zusätzliches Wachstum zu generieren. Aus dieser Perspektive ist der Fiskalstimulus sicherlich mehr Segen als Fluch. In den USA wird in den nächsten Jahren zusätzlich versucht, mit enormen Infrastrukturprojekten von über 1000 Billionen US-Dollar zusätzliches Wachstum zu generieren. Diese sollen durch den Staat und die Kommunen finanziert werden. Und das ist unser Stichwort: Die Finanzierbarkeit.

Bei der derzeitigen Schuldenlast der Staaten (weit über 100 Prozent Verschuldung im Verhältnis zum BIP) sollte es eigentlich gar nicht möglich sein, einen derartigen Fiskalimpuls zu tätigen. Bis dato interessieren sich die Kapitalmärkte aber weniger für die Machbarkeit solcher Stimuli bzw. Projekte, sondern primär für das Wirtschaftswachstum und die möglichen Auswirkungen auf die Inflation. Die Angst vor einer Wirtschaftsabschwächung und deflationärer Tendenzen sind zurzeit die weitaus grössere Sorge der Märkte. Deshalb bleiben – aus kurzfristiger Anlegersicht – die Fiskalpolitik sowie die anstehenden Infrastrukturprojekte ein Segen.

Wenn der Geldsegen zum Fluch für die Sparer wird

Interessant wird es jedoch, wenn die mittel- bis langfristigen Implikationen betrachtet werden. Wie wirkt sich die Fiskalpolitik auf das Wirtschaftswachstum und die Inflationserwartungen aus, und wer finanziert dieses Unterfangen? Ob die Fiskalpolitik mittel- bis langfristig nachhaltig Wachstum erzeugen kann, ist höchst unsicher. Das hängt beispielsweise davon ab, ob Firmen mit den erwarteten Steuererleichterungen einen neuen Investitionszyklus anstossen und neue Arbeitsplätze schaffen oder, ob die Unternehmen einfach weiter eigene Aktien zurückkaufen. Letzteres wäre der berühmte Tropfen auf den heissen Stein.

Die Inflation dürfte bei einem weiteren Schuldenaufbau tendenziell steigen. Eine Hoffnung, die von Politikern sowie Notenbankchefs gleichermassen geteilt wird. Denn ein Schuldenberg kann langfristig am leichtesten mit einer erhöhten Inflationsrate verkleinert bzw. abgebaut werden.

Wie auch immer das Resultat sein mag und welches Szenario für einen langfristigen Schuldenabbau sich materialisieren wird, eines scheint heute schon offensichtlich zu sein: Der traditionelle Sparer wird mit grosser Wahrscheinlichkeit zur Kasse gebeten. Sei dies real, durch eine tiefere Kaufkraft aufgrund einer höheren Inflation oder im Extremfall, durch einen Schuldenschnitt wie in Griechenland. Für die Sparer scheint der anstehende fiskalpolitische Geldsegen wohl zum Fluch der Geldentwertung zu werden.

Es gibt 4 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Finanzblogroll - Schulterblick - Finanzartikel KW 04 / 2017
  2. Pingback: Kleine Presseschau vom 27. Januar 2017 | Die Börsenblogger
  3. Bruno Maier (Finanzanalyst) at 17:01

    Fiskalpolitik kann vor allem über zwei Kanäle erfolgen. Erstens kann der Staat Steuersenkungen vornehmen und damit das verfügbare Einkommen der Bevölkerung steigern. Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob die zusätzlichen Mittel je in den Wirtschaftskreislauf gelangen oder nicht doch gespart werden. Gerade im derzeit unsicheren Umfeld ist davon auszugehen, dass die Leute einen Notgroschen anlegen. Zweitens kann der Staat seine Ausgaben direkt ausweiten. Investitionen in Infrastrukturprojekte sind naheliegend und führen unvermittelt zu einem Konjunkturimpuls. Sie füllen Auftragsbücher und schaffen Arbeitsplätze. Die dafür nötige Finanzierung ist, als Folge der Liquiditätsflut, so billig wie selten zuvor. Spannender Beitrag von Fabienne Erni: https://web.blkb.ch/blog/2016/10/08/die-geldpolitik-gelangt-an-ihre-grenzen/

  4. Pingback: Artikel über Wirtschaft und Devisen 29 Jan. 17 | Pipsologie

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