Flüsse, Berge und weisse Soldaten

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Der Ursprung der technischen Kursanalyse liegt nicht in der wissenschaftlich-rationalen Welt, sondern in der des Handels. Ein japanischer Reishändler hat die Charttechnik zum Veranschaulichen von Kursschwankungen erfunden, die ihm als Grundlage für die Vorhersage der Preisentwicklung diente.

Viele Menschen hören bei wichtigen Entscheidungen auch auf ihr Bauchgefühl. Dieses zeichnete wohl auch die frühen japanischen Händler aus, wie der Finanzprofessor Andrew W. Lo in seinem Buch «Die Entwicklung der technischen Analyse» feststellt. Diese handelten bereits im 18. Jahrhundert auch mit Terminkontrakten. Besonderes Gespür bescheinigt er dem Reishändler Munehisa Homma (1724-1803). Dieser stellte fest, dass die Gefühle der Händler den Preis für Reis massgeblich beeinflussten und folgerte daraus, dass man beim Handeln psychologische Aspekte gewinnbringend nutzen kann.

«Wenn man etwas über den Markt lernen will, dann muss man den Markt fragen», schrieb Homma, der sein Wissen auch in Büchern festgehalten hat. Der Reishändler erkannte nämlich auch den Wert von statistischen Informationen – lange bevor sie an westlichen Märkten eingeführt wurden. Um seine Aufzeichnungen aussagekräftiger zu machen, entwickelte er das Kerzenchart. Der Finanzautor Michael C. Thomsett zählt es zu den nützlichsten, zweckmässigsten und visuellsten aller Chart-Systeme.

Beim Kerzenchart wird die Spanne zwischen Eröffnungs- und Schlusskurs als kleines Rechteck dargestellt. Dieses ist weiss oder grün, wenn der Schlusskurs über dem Eröffnungskurs liegt, beziehungsweise schwarz oder rot, wenn der Schlusskurs darunter liegt. Über diesem Rechteck befindet sich ein Strich bis zum Hoch des Intervalls, darunter ein Strich bis zum Tief. Dadurch sieht die Darstellung einer Kerze ähnlich.

Das Kerzenchart

Das Kerzenchart

Auf dem Kerzenchart lässt sich nicht nur der Tageskurs ablesen: Es offenbart mit einem Blick auch die Bewegungsdynamik. Zudem gibt es Chartmuster, denen eine Trendprognose zugeordnet werden kann, etwa Dreiecke oder W-Formationen. Bereits Homma hat daraus Handelsstrategien abgeleitet. Sie basieren durchweg auf der Zahl drei: «Drei Berge» kündigt beispielsweise das Ende einer Aufwärtsbewegung an. Das Gegenstück «Drei Flüsse» bezeichnet markante Tiefpunkte, und die «Drei Weissen Soldaten» erscheinen nach einer langen Niedrigpreis-Phase und deuten auf eine starke Trendwende hin.

«Homma verstand die Bedeutung der Marktinformation und deren Auswirkung auf die Massenpsychologie und dadurch auch auf die Kurse», bestätigt Andrew W. Lo und verweist darauf, dass moderne Theorien von Charles Henry Dow, Wirtschaftswissenschaftler und Herausgebers des Wall Street Journals, oder des Fachautors Humphrey B. Neill («The Art of Contrary Thinking») auf den Erkenntnissen von Munehisa Homma basieren, die dessen Werke zweihundert Jahre nach ihrer Entstehung wiederentdeckt hätten.

Hommas Schriften werden von Tradern und Historikern gleichermassen geschätzt, schreibt Andrew W. Lo «nicht nur wegen ihrer Weisheit, sondern auch, weil sie seltene Dokumente der frühen japanischen Chart-Analyse darstellen.» Seine Erfolge brachten Homma den Spitznamen «Gott der Märkte» ein.

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