Folgen des SNB-Entscheids: der zweite Schock könnte erst noch folgen

Folgen des SNB-Entscheids: der zweite Schock könnte erst noch folgen 

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Derzeit beherrschen zwei zusammenhängende Themen die heimische Wirtschaft, die Politik und bald noch viel mehr auch die Privathaushalte. Einerseits ist dies der starke Franken und andererseits in einem immer stärker spürbaren Ausmass auch die von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) verhängten Negativzinsen. Wurden die Sparer bisher verschont, dürfte die zweite Schockwelle noch folgen.

Aufhebung der Frankenstabilität – Instabilität für die Wirtschaft?

Der Entscheid der helvetischen Zentralbank vom 15. Januar, den Mindestkurs des Euros zum Franken aufzugeben und gleichzeitig den Leitzins noch stärker in den negativen Bereich abgleiten zu lassen, war für die Schweizer Wirtschaft ein Schock. Und auch zwei Monate danach vergeht kein Tag ohne Negativmeldungen, wie Stellenabbau in der Industrie, Arbeitszeitverlängerungen bei gleichem Lohn, «verzweifelten» Versuchen der heimischen Tourismusdestinationen, ihre Gäste zu halten, oder der Rabattschlacht im Detailhandel. Die negativen Konsequenzen scheinen in erster Linie die gesamte inländische Volkswirtschaft zu treffen. Während ausländische Investoren schnell in andere Währungen und Vermögenswerte ausweichen können, ist unsere Wirtschaft an die gegebenen Rahmenbedingungen gebunden. Vor diesem Hintergrund scheint es mir fraglich, ob diese Schocktherapie in der Retrospektive wirklich unumgänglich war? Die SNB hätte wohl auch am Mindestkurs festhalten können. Wäre eine, zugegebenermassen besorgniserregende, weitere Ausweitung der Notenbankbilanz nicht vorzuziehen gewesen? Nicht nur die Glaubwürdigkeit der Notenbank dürfte gelitten haben, sondern auch die der Schweiz. Eines der wichtigsten Attribute des Frankens und der Schweiz war über Jahrzehnte seine Stabilität und Berechenbarkeit. Nie hätte ich gedacht, dass in einem Schaufenster eines grossen Bekleidungshauses am Zürcher Paradeplatz auf die Instabilität des Frankens hingewiesen wird.

Negativzinsen: Eine Wettbewerbsverzerrung im Banksektor?

Bisher, so scheint es, sind die Auswirkungen der Negativzinsen nur in gewissen Bereichen spürbar. Geschäftsbanken werden für Liquidität, die sie auf Girokonten der SNB halten, zur Kasse gebeten. Die SNB versucht zwar, mit so genannten Freibeträgen die Geschäftsbanken zu entlasten. So sind Einlagen bis zum zwanzigfachen der Mindestreserven von den Negativzinsen befreit. Universalbanken, die ein grosses Einlagengeschäft betreiben, müssen höhere Mindestreserven halten, profitieren aber von hohen Freibeträgen. Dies begünstigt die systemrelevanten Grossbanken. So wies die Vereinigung Schweizerischer Privatbanken bereits darauf hin, dass die Negativzinsen den Wettbewerb unter den Banken verzerren, da nicht alle Finanzinstitute gleich betroffen sind und Banken mit einer risikoarmen Geschäftspolitik überproportional belastet werden. Die Kritik prallte jedoch an der SNB ab.

Folgt nun der zweite Schock? – Sparer bisher verschont

Für viele Banken stellt sich nun die heikle Frage, wie sie die Negativverzinsung ausgleichen können. Naheliegend wäre natürlich, diesen «Strafzins» ganz einfach mit dem Hinweis auf die gegenwärtige Marktlage weiter zu reichen. Sprich: Sparer müssten für ihre Einlagen bei der Bank den Zins bezahlen, den auch die Banken für ihre Einlagen bei der Nationalbank berappen müssen. Solange die Zinsen im positiven Bereich notieren, scheint dies bei steigenden, wie auch bei sinkenden Zinsen jeweils kein Problem zu sein. Erhöht die Nationalbank den Leitzins, schlägt sich dies normalerweise in höheren Kredit- oder Hypothekenzinsen nieder. Umgekehrt erhalten Sparer bei sinkenden Zinsen auf ihren Guthaben einen niedrigeren Zins. Bei Negativzinsen ist dies jedoch schwieriger zu vermitteln und es wird befürchtet, dass Kunden ihre Sparguthaben abziehen könnten. Nur wo sollen Sparer ihre Guthaben hinbringen, wenn sich in diesem Falle wohl unweigerlich alle Banken den gegebenen Marktumständen anpassen würden. Es scheint auf die Dauer schwer vorstellbar, dass Banken ihre Kunden vor der Realität der Negativzinsen «beschützen» können. Wir müssen uns bewusst sein, dass die derzeitige «unangenehme» Situation noch lange anhalten oder sich durchaus noch verschärfen könnte. Blicke ich auf die Probleme Europas und andere nach wie vor aktuelle Risiken (beispielsweise Ukraine), so scheint mir die derzeit viel gehörte Zuversicht, der Schweizer Franken sollte sich zum Euro über der Parität einpendeln, gewagt.

Anleger und Sparer können einer Negativverzinsung einzig durch eine «kreative» Erhöhung des Risikoansatzes entgegentreten. Eine Erhöhung der Risikotoleranz auf breiter Front – sei es mit Investitionen in risikobehaftete Anlagen oder auch bereits stolz bewertete Immobilien – dürfte die volkswirtschaftliche Lage der Schweiz noch verschärfen. Nicht nur die SNB wird diese Entwicklung mit Sorge beobachten. Sie trägt jedoch mit ihrem Entscheid vom 15. Januar auch eine Mitverantwortung, mit der in der Schweiz aber relativ nachsichtig umgegangen wird. Es bleibt zu hoffen, dass diese aussergewöhnliche Phase der Negativzinsen, wie auch der übertriebenen Frankenstärke nur vorübergehender Natur ist.

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