Gewinner und Verlierer der Ukraine-Krise

Gewinner und Verlierer der Ukraine-Krise 

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Seit Mitte Juni geht es an den Börsen Europas merklich abwärts. In Nordamerika und Japan zeigen sich die Börsen jedoch von der robusten Seite, in den Schwellenländern erlebten sie sogar zum Teil Kursfeuerwerke. Die Erdöl- und Erdgaspreise sind seit Ende Juli sehr stark gesunken, was angesichts der Situation im Nahen Osten und in der Ukraine doch bemerkenswert ist. Die Märkte in Europa, Asien und Nordamerika scheinen sehr unterschiedliche Interpretationen der Ukraine-Krise zu haben. Das hat seinen Grund:

Europa: der grosse Verlierer der Ukraine-Krise

Aus wirtschaftlicher Sicht kommt die Eskalation der Ukraine-Krise für Europa zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Osteuropa steckt im «geostrategischen» Dilemma und die fragile wirtschaftliche Erholung in Südeuropa sind nun gefährdet. Auch einige hoch industrialisierte nördliche Länder, die ihrerseits aufgrund geplatzter Immobilienblasen in den letzten Jahren ebenfalls mit deflationären Gegenwinden kämpfen mussten (z.B. Dänemark, Niederlande), stehen vor neuen Risiken.

Der drohende Ausfall des russischen Marktes wird aber auch viele Unternehmen in Deutschland und anderen relativ gut positionierten Ökonomien belasten. Die Erschliessung alternativer Exportmärkte benötigt eine gewisse Zeit und könnte mancherorts zum margenschmälernden und deflationären Verdrängungswettbewerb ausarten. Die eine oder andere Investition in Russland müsste auf Sicht wohl doch abgeschrieben werden, was sich in mancher europäischen Bankbilanz niederschlagen würde – was so kurz nach der «Eurokrise» ebenfalls unvorteilhaft wäre. Psychologisch braucht Europa eine Neuauflage des «Kalten Krieges» sowieso am Allerwenigsten.

Schwellenländer als potenzielle Gewinner?

Die USA haben sich wirtschaftlich in den letzten Jahren stärker auf Asien ausgerichtet und sind grundsätzlich weniger exportabhängig. Für die USA und damit auch für die NAFTA-Länder Kanada und Mexiko sind die Risiken also eher überschaubar.

Indirekt profitieren könnten aber auch viele Schwellenländer sowie die zweit- und drittgrössten Volkswirtschaften der Welt, China und Japan. Russland wird nämlich im Falle einer Eskalation des Sanktionskreislaufs weitere Alternativen zum europäischen Energieexportmarkt suchen und finden – Moskaus Preisverhandlungsposition wäre aber geschwächt, denn es hätte vermutlich ein Interesse, diesen neuen Abnehmern aus geopolitischen Gründen «Freundschaftspreise» anzubieten.

Indizien in diese Richtung gibt es. Ein vor wenigen Monaten zwischen Moskau und Peking vereinbartes Energieabkommen soll günstige Konditionen für China beinhaltet haben. Und Japan wurde von den jüngsten russischen Gegensanktionen ausgenommen, obwohl es als enger US-Verbündeter die westlichen Sanktionen grundsätzlich mitträgt.

Der Blick in die Glaskugel der Finanzmärkte

Aus der europäischen Perspektive stehen die Finanzmärkte der Möglichkeit einer raschen Entspannung der Ukraine-Krise derzeit wohl eher skeptisch gegenüber. Vielmehr nehmen sie russische «Dumpingpreise» im Energiehandel vorweg, von denen die primär auf den Binnenkonsum ausgerichteten Volkswirtschaften wie die USA und rohstoffarme Länder wie China und Japan profitieren würden.

Noch handelt es sich bei diesen Annahmen um reine Spekulation. Mit Sicherheit lässt sich aber sagen, dass Europa neben Russland zu den grössten Verlierern einer Fortsetzung des gegenwärtigen politischen Zustands zählen würde – denn wenn Europäer sich streiten, könnten sich Dritte «freuen».

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