Gläubigerschutz: Wer wird hier geschützt?

Gläubigerschutz: Wer wird hier geschützt? 

Artikel bewerten

Der US-amerikanische Gläubigerschutz wirkt wie ein Etikettenschwindel – belebt aber die Wirtschaft.

Sie verdienen Millionen, stehen im Blickpunkt der Öffentlichkeit – und müssen sich plötzlich zur Pleite bekennen: US-amerikanische Schauspieler oder Künstler wie der Rapper 50 Cent, einer der erfolgreichsten US-Musiker der vergangenen Jahre. Ihm ging plötzlich das Geld aus – kurz nachdem das Wirtschaftsmagazin Forbes sein Vermögen auf 150 Millionen Dollar geschätzt hatte.

Er ist in bester oder zumindest bekannter Gesellschaft. Präsident Thomas Jefferson, Autor der Unabhängigkeitserklärung, beantragte für sich ebenso Gläubigerschutz wie der Filmproduzent Walt Disney, der Schauspieler Burt Reynolds, die «Un-Break My Heart»-Sängerin Toni Braxton, der Boxer Mike Tyson und der Immobilienunternehmer und Präsidentschaftskandidat Donald Trump, der zwar nicht persönlich, aber mit einigen seiner Unternehmen durch Gläubigerschutz-Verfahren ging.

So wie er in den USA verstanden wird, führt die Bezeichnung Gläubigerschutz in die Irre. Denn geschützt werden keineswegs die Gläubiger, sondern die Schuldner – die in eine Krise geratenen Unternehmen oder Privatpersonen sollen vor ihren Gläubigern geschützt werden. Die amerikanischen Insolvenzgesetze – die ersten wurden bereits Ende des 19. Jahrhunderts verfasst – zielen vor allem darauf ab, einen schnellen Neustart zu ermöglichen.

Wenn ein Unternehmen nicht derart schlecht dasteht, dass es gleich nach «Chapter 7» des United States Codes die Liquidation in die Wege leitet, beantragt es Insolvenz nach «Chapter 11». Indem rechtliche Schritte der Gläubiger gegen den Schuldner unterbunden werden, bleibt das Unternehmen weiter geschäftsfähig, kann sich reorganisieren und seine Schulden restrukturieren. Das geht oft auch zulasten von Arbeitnehmern und Steuerzahlern: Denn Chapter 11 erlaubt den kriselnden Firmen auch den umstrittenen Schritt, Betriebspensionen zu streichen. Diese werden dann von einer staatlichen Pensionskasse übernommen, häufig jedoch in geringerem Umfang. Steuerzahler und Beschäftigte teilen sich in solchen Fällen einen grossen Teil der Kosten der Insolvenz.

Immerhin bleiben bei einer Insolvenz nach Chapter 11 Arbeitsplätze und der Betrieb erhalten, auch der Verlust für die Gläubiger bleibt begrenzt. Bei der Zerschlagung eines Betriebes nach Chapter 7 ist der Gesamtverlust meist höher.

Ähnlich grosszügige Gesetze wie bei Unternehmen gelten in den USA für verschuldete Privatleute. Unter «Chapter 13» wird ein Bankrotteur zwar gezwungen, über drei bis fünf Jahre seine Schulden zurückzuzahlen – jedoch nur, wenn er das Geld dazu hat. Am Ende wird ihm die restliche Schuld erlassen. Und unter «Chapter 7» können sich Privatleute ihre ganze Schuld gleich streichen lassen, einzig eventuellen Land-, Juwelen- oder Aktienbesitz müssen sie aufgeben.

Manche Ökonomen sehen in den US-Insolvenzgesetzen eine wichtige Grundlage für die Dynamik der amerikanischen Wirtschaft. Kritische Stimmen beschwören jedoch die «moralische Gefahr» durch die grosszügigen US-Insolvenzgesetze: Sie würden dazu animieren, unverantwortlich zu wirtschaften.

Tatsächlich gibt es zahlreiche Beispiele von Unternehmen, die unter «Chapter 11» wieder auf die Beine gekommen sind, etwa die Fluggesellschaften United Airlines und Delta Airlines. Aber man findet mehr Belege für Pleitiers wie 50 Cent, der auch nach der Bankrotterklärung weder seine Villa mit 23 Schlafzimmern, 35 Bädern, Basketballplatz, Kasino, Kino und Diskothek noch seinen Fuhrpark mit einem kugelsicheren Chevrolet Suburban verkaufen musste, als ehrenhafte Insolvente wie Harry Truman. Dieser scheiterte 20 Jahre bevor er Präsident wurde mit einem Geschäft für Herrenmode. Er und seine Partner hielten es für unmoralisch, ihre Gläubiger auf den Schulden sitzen zu lassen, und meldeten keine Insolvenz an. Sie zahlten ihre Schulden – jahrzehntelang – freiwillig ab.

Es gibt 1 Kommentar zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 1. März 2016 | Die Börsenblogger

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.