Global Wealth Report: Zwischen Börsenboom und Investitionslethargie

Global Wealth Report: Zwischen Börsenboom und Investitionslethargie 

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Das weltweite Geldvermögen knackte 2016 dank der Börsenrally eine neue Rekordmarke. Gleichzeitig horten Sparer ihre Ersparnisse trotz der expansiven Geldpolitik der Zentralbanken weiterhin auf Bankkonten. Das zeigt der jährliche Global Wealth Report der Allianz-Versicherungsgruppe.

Gemäss der jährlich erarbeitenden Analyse der Allianz-Versicherungsgruppe summierte sich das weltweite Geldvermögen 2016 auf fast 170 Billionen Euro – eine neue Rekordmarke. Im Bericht berücksichtigt der Versicherer Bargeld und Bankeinlagen, Wertpapiere wie Aktien, Anleihen, Anteile an Investmentfonds und sonstige finanzielle Forderungen sowie Versicherungen und Pensionsfonds in 53 Ländern – jedoch nicht Immobilien. Das Wachstum der analysierten Brutto-Geldvermögen erhöhte sich im letzten Jahr gegenüber dem Vorjahr um mehr als sieben Prozent.

Paradoxon der Finanzkrise

Ein erstaunlich grosser Teil des weltweiten Geldvermögens liegt auf den Bankkonten, wie die Analyse zeigt. Auch zehn Jahre nach dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise bunkern Sparer in den Industrieländern im Schnitt jährlich rund eine Billion Euro auf ihren Bankkonten. Nun, nach einer derart tiefgreifenden Krise scheint dies auf den ersten Blick wenig überraschend. Angesichts der daraufhin von den grossen Zentralbanken etablierten expansiven Geldpolitik – womit Sparzinsen quasi abgeschafft wurden – ist dies aber doch eher erstaunlich. Die Zentralbanken wollten die Sparer mit Null-, bzw. teilweise gar Strafzinsen zu einem risikogeneigteren Anlageansatz bewegen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Das Sparverhalten der Privatanleger bleibt auch heute, insbesondere in Europa vielfach von grosser Risikoscheu geprägt.

Oliver Bäte, Vorstandsvorsitzender der Allianz, spricht im Global Wealth Report 2017 des Versicherungskonzerns von „Investitionslethargie“. Die Zusammensetzung der neuen Spargelder offenbart, dass Privatanleger in den Industrieländern per Saldo sogar Wertpapiere verkauft und zwei Drittel ihrer Ersparnisse zu den Banken getragen haben – gemäss Allianz ein neuer Rekordwert. Das vorsichtige und liquiditätsorientierte Investitionsverhalten der Sparer führt dazu, dass die Banken dank geringer Finanzierungskosten schlussendlich als Gewinner aus der Finanzkrise hervorgehen, während die Sparer durch Null-Zinsen effektiv schwere Verluste erleiden.

Vermögen bleibt ungleich verteilt

Für das Wachstum des Reichtums war vor allem die Börsenrally verantwortlich. Durch die gute Entwicklung der Börsen entfielen 2016 knapp 70 Prozent des Vermögenzuwachses auf Bewertungsveränderungen und nur gut 30 Prozent auf effektive Mittelzuflüsse. Fast die Hälfte der Summe, nämlich 45 Prozent des angesparten Vermögens, konzentrierte sich auf die USA, wo der Staat die Altersvorsorge bekanntlich auch über Aktien und Fonds steuerlich fördert. Rund drei Viertel des Vermögenszuwachses in Nordamerika war dabei auf Veränderungen des Portfolios zurückzuführen. Stärkste Region in Sachen Vermögenszuwachs im Jahr 2016 blieb aber Asien (ohne Japan) mit einem Plus von 15 Prozent. Lateinamerika und Osteuropa erzielten diesbezüglich ein Wachstum von rund 5 Prozent – mehr als doppelt so hoch als die Wachstumsrate in Nordamerika von 2.1 Prozent und Westeuropa von 1.4 Prozent.

Gerechter ist die Welt durch den Vermögenszuwachs aber nicht geworden. Die reichsten zehn Prozent vereinen knapp 80 Prozent des Netto-Geldvermögens auf sich. Die höchsten Brutto-Geldvermögen pro Kopf hatten laut Allianz Ende 2016 die Schweizer mit 268 840 Euro, vor den Amerikanern mit 221 690 Euro und den Dänen mit 146 490 Euro. Netto, also nach Abzug der Schulden, liegen erstmals die USA vorn mit 177 210 Euro, gefolgt von der Schweiz mit 175 720 Euro und Japan (96 890 Euro). Gleichzeitig legten im letzten Jahr auch die Verbindlichkeiten der Privathaushalte weltweit um 5.5 Prozent zu und kletterten damit auf den höchsten Wert seit 2007. Erstmals seit 2009 wuchsen die Schulden damit wieder schneller als die nominale Wirtschaftsleistung, und die globale Schuldenstandquote erhöhte sich um einen knappen Prozentpunkt auf 64.6 Prozent.

Breites Vermögenswachstum essentiell

Quelle: Allianz SE

Auch wenn das Vermögenswachstum einmal mehr den ohnehin schon Wohlhabenden zugutekommt, sind angesichts grosser Herausforderungen – allen voran dem anhaltenden Bevölkerungswachstum und dem demographischen Wandel – langfristige, renditeorientierte Investitionen unbedingt notwendig, um den Wohlstand in Zukunft zu sichern und mehr Menschen die Möglichkeit zu bieten, davon zu profitieren. Je stärker das Wachstum je eher die Chance, dass es sich hoffentlich auch breiter verteilt.

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 12. Oktober 2017 | Die Börsenblogger

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