Die schleichende Entmachtung des Goldes

Die schleichende Entmachtung des Goldes 

Gold ist in unserer Gesellschaft seit jeher ein fester Bestandteil des Zahlungswesens. Über die Jahrhunderte war das Edelmetall ein verlässliches Tauschgut mit hoher Akzeptanz. Doch ist dies in unserer modernen Wirtschaft immer noch so? Eine Lagebeurteilung.

Die Münzhoheit war in unserer Geschichte seit frühen Zeiten eine wichtige Kompetenz der Obrigkeit. Wenn immer es ein Machthaber vermochte, prägte er eigenes Geld. Damit einher ging die Kontrolle über die Schöpfung und den Fluss des Geldes, was auch ein effizienteres Eintreiben der Steuern ermöglichte. Aber schon damals kam der Wert der Münze erst mit dem Vertrauen in ihre Kaufkraft. Handelte es sich um eine echte Goldmünze, behielt sie langfristig ihren Wert – egal, wessen Kopf darauf geprägt war. Versuchte der Machthaber jedoch, seine maroden Staatsfinanzen beim Giessen der Münzen mit der Beimischung wertminderer Metalle zu sanieren, kam es mit der Zeit oft zu einer Entwertung des Zahlungsmittels. Die Marktfahrer wurden sich dessen bewusst, die Preise passten sich an und die Kaufleute wichen im schlimmsten Falle auf wertstabilere Währungen oder den Tauschhandel aus, sofern die Verwendung der eigenen Währung nicht mit Gewalt durchgesetzt wurde.

Gold als sicherer Hafen

Auch heute, im Zeitalter der ungedeckten Banknoten und des Buchgeldes, fliehen Anleger: Wenn es brenzlig wird, wettern sie in fremden, sicheren Häfen ab, wie beispielsweise dem Schweizerfranken oder eben Gold. Dies ist aber auch nur dann möglich, wenn der Staat nicht längst ein Goldverbot erlassen hat, wie es in Europa schon zigmal passiert ist und vermutlich auch wieder passieren wird.

In Krisenzeiten ist das Vertrauen in Gold hoch und der Goldpreis wird von der Angst der Anleger beflügelt. Auffallend ist dabei das Interesse für physisches Gold. Im Gegensatz zu Gold-Papieren wie ETFs oder ETCs vermittelt eine hart-glänzende Kopfkissenunterlage das Gefühl, gegen jede Krise abgesichert zu sein. Einen Goldbarren hält man auch nach dem Kollaps des Bankensystems noch in den Händen. Aber was dann? Bezahlt man am nächsten Tag seinen Schinken und seine Eier an der Supermarktkasse mit einem massiven Goldbarren?

Kein Gold an der Kasse

In einer idealen Welt könnte man seine Waren jederzeit mit einer kleinen Stückelung physischen Goldes bezahlen. Doch Gold als Zahlungs- respektive Tauschmittel taugt nur mit funktionierenden, kleingewerblichen Strukturen. Strukturen, die es erlauben, dezentral und flexibel auf neue Zahlungsmodalitäten umzusteigen und die sich der Einflussnahme der staatlichen Geldhoheit zumindest ein Stück weit entziehen. Jene Kleinbetriebe mit eigener Kasse sind in Westeuropa tragischerweise immer mehr auf dem Rückzug. Hinzu kommt, dass mit der Etablierung digitaler Zahlungsverfahren physisches Geld schrittweise aus dem Zahlungsverkehr verschwindet – und damit auch die Idee des physischen Tauschmittels.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Zahlungsflexibilität eines Kassenangestellten bei Grossunternehmen erfahrungsgemäss gering ist, wenn dieser nicht schon mit einer Selbstbezahlungsanlage ersetzt wurde. Beim bereits mächtigen Internethandel ist diese Flexibilität gar nicht mehr vorhanden und das Goldnugget verstaubt zuhause ungenutzt. Wenn der Wert des Goldes tatsächlich vom Vertrauen in seine Wiedereintauschbarkeit abhängt, ist dies vielleicht das letzte Kapitel des Edelmetalls?

Brisanter Relevanzverlust

Es scheint unwahrscheinlich, dass Gold seine gesellschaftliche Funktion als Wertaufbewahrungsmittel komplett verlieren wird. Heutzutage besteht neben der bedeutsamen Schmuckindustrie auch eine andere realwirtschaftliche Nachfrage, zum Beispiel in der Elektronik. Diese nachhaltigen Preisstützen werden auch weiterhin den Goldwert sichern. Ausserdem ist und bleibt das Edelmetall ein wichtiger Diversifikationsbestandteil eines jeden Portefeuilles. Doch der Relevanzverlust von Gold ist brisant: Bartransaktionen und Tauschgeschäfte sind die einzigen Bezahlungsmodi, die sich der Einflussnahme der Obrigkeit entziehen. Es ist nicht gesund, wenn der Staat unlimitierte Einflussmöglichkeiten hat und jedes Ausweichen des Bürgers auf Drittwährungen oder Tauschmittel unterbunden werden kann. Währungsschnitte, Monetarisierung von Staatsschulden und andere Formen der breiten Enteignung sind scheinbar aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Doch es sind sehr reale politische Optionen – und diese werden mit der schleichenden Entmachtung des Goldes immer einfacher umsetzbar.

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  1. Pingback: Artikel über Trading und Investments 19 Juli 20 | Pipsologie

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