Goldrausch: Keine Macht der drögen Wirklichkeit

Goldrausch: Keine Macht der drögen Wirklichkeit 

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Gold ist keine psychedelische Substanz. Trotzdem kann es Menschen in einen rauschhaften Zustand versetzen, Bewusstsein verändern und zu irrationalen Handlungen verleiten, wie der kalifornische Goldrausch zeigt.

Neu-Helvetien war eine Kolonie europäischer Einwanderer, die der Schweizer Unternehmer Johann-August Sutter und einige beherzte Familien in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Kalifornien aufbauten. In der neuen Schweiz – einer kaum besiedelten Wildnis an der amerikanischen Westküste – sollte ein Garten Eden der modernen Landwirtschaft entstehen. Sutter kaufte immer neue Ländereien für seine amerikanische Schweiz, gründete Siedlungen und Betriebe und arbeitete an seinem persönlichen Traum, einer fruchtbaren neuen Heimat im Sonnenstaat, – bis eine verhängnisvolle Entwicklung ihn stoppte.

Extase: Ein Kiesel verändert die Geschichte

Beim Bau einer Mühle für ein Sägewerk fand Sutters Vorarbeiter James W. Marshall ein fingerkuppen-grosses Goldkiesel im damaligen Materialwert von fünf Dollar. Das winzige Nugget war zu klein, um seinen Finder reich zu machen, aber gross genug, um die Welt in einen rauschhaften Zustand zu versetzen. Die Gerüchteküche versorgte erst die neue Schweiz mit der Nachricht vom Goldfund und trieb viele Siedler von ihren gerade erst urbar gemachten Äckern in die Berge. Sutter’s Mill verkümmerte, weil Arbeiter samt Gerätschaften die Flüsse hinauf in die Rocky Mountains zogen, um ihr Glück aus dem Uferschlamm der Flüsse zu waschen. Jeder neue Fund und jedes neue Gerücht heizte die Gold-Hysterie in den Medien an und löste eine Völkerwanderung an die amerikanische Westküste aus – an der Ostküste leerten sich derweil viele Fabriken und ganze Landstriche. Auch Neu-Helvetien, die kleine Utopie eines friedvollen Neuanfangs, brach unter dem Ansturm der Hoffnungsvollen völlig zusammen.

James Marshall vor Sutters Sägemühle

Katerstimmung: Eine nüchterne Bilanz

Der Traum vom schnellen Gold erfüllte sich nur für eine verschwindend kleine Minderheit. Viele Goldsucher trieb er in den Ruin, weil die Preise für Nahrungsmittel, Ausrüstung und Zeitungen mit den neusten Gold-Gerüchten astronomische Höhen erreichten. James W. Marshall, der unglückliche Goldfinder, hielt sich mit dem Verkauf eigener Autogrammkarten über Wasser und starb völlig verarmt, ebenso wie sein Arbeitgeber Johann-August Sutter. Zu den klaren Gewinnern gehörten vor allem Wirte, Händler und Prostituierte, deren Geschäft vom Frust und Überschwang der Goldsucher gleichermassen profitierte. Auch Skalp-Jäger verdienten an der gewaltsamen Erschliessung des „Golden State“ und den staatlichen Prämien für getötete kalifornische Ureinwohner. Der wahre Verlierer der rauschhaften Entwicklung war – natürlich – die indigene Bevölkerung. Binnen weniger Jahre verfünffachte sich die weisse Bevölkerung Kaliforniens – gleichzeitig schrumpften die ortsansässigen Indianerstämme durch Vertreibung, Krankheit, Massacker und Quecksilber-Vergiftungen als Folge des Goldabbaus um fast 80 Prozent.


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