Gratis-Lunch für Anleger? 

Warum wir weder im Saloon noch an den Börsen etwas geschenkt bekommen.

Im 19. Jahrhundert war es in amerikanischen Saloons üblich, den Gästen eine Gratis-Mahlzeit anzubieten, den sogenannten «Free Lunch». Der in Indien geborene britische Schriftsteller Rudyard Kipling beschrieb diesen Brauch 1891 in seinen «American Notes» wie folgt: «Man bezahlt für ein Getränk und bekommt so viel zu essen, wie man will. Für etwas weniger als eine Rupie am Tag kann sich ein Mann in San Francisco satt essen.» Natürlich war der «Free Lunch» eine Mogelpackung: Da die Wirte damals wie heute auf ihre Kosten kommen mussten, war die Mahlzeit im entsprechend erhöhten Preis für das obligatorische Getränk inbegriffen. Und um den Durst anzuheizen, waren die offerierten Speisen oft sehr salzhaltig. Vermutlich war schon mit dem zweiten Drink das vermeintliche Gratisessen abbezahlt. Das Ganze war also nur eine geschickte Marketingaktion zur Umsatzsteigerung. Aus dieser Erkenntnis resultierte die Redewendung «There ain’t no such thing as a free lunch.» Auf Deutsch: Man bekommt im Leben nichts geschenkt. Und auch wenn etwas gratis erscheint, muss man doch irgendwann dafür aufkommen. Das Gratis-Handy bezahlt man mit höheren Gebühren pro Anruf. Für die Einladung zur Gratis-Carreise, muss man eine überteuerte Heizdecke erwerben.

Dass es keine kostenlosen Mahlzeiten gibt, ist ein wichtiges Prinzip in der ökonomischen Theorie und gilt auch für Geldanleger. Finanzspezialisten sprechen vom No-Arbitrage-Prinzip. Im Fachjargon ausgedrückt: Zwei Instrumente mit zukünftigen identischen Cash Flows müssen heute den gleichen Preis haben. Das heisst: Auch für Anleger gibt es keine Geschenke. Wer mehr Rendite haben will, muss mehr Risiken eingehen. Risikolose Anlagen mit hohen Renditen gehören ins Reich der Märchen. Aber: Von jeder Regel gibt es Ausnahmen. Beispielsweise wurden früher Aktien an verschiedenen Börsenplätzen manchmal zu unterschiedlichen Preisen gehandelt. Die Preisdifferenz ermöglichte es gewieften Anlegern, praktisch risikolos Geld zu verdienen, indem sie eine Aktie an einem Ort billig kauften und sofort am anderen Ort teurer verkauften. Im Zeitalter der elektronischen Börsen werden aber solche Arbitragemöglichkeiten immer seltener.

Wenn Sie also heute Abend während der Happy Hour in Ihrer Bar gratis Häppchen offeriert bekommen und Ihnen zu fortgeschrittener Stunde ein Finanzberater eine angeblich risikolose Anlage mit 15 Prozent Rendite empfiehlt, denken Sie daran: «There ain’t no such thing as a free lunch.»

Leselinks:
Das Manager Magazin zeigt, wie Anlagebetrüger arbeiten (13.3.2013): Gier frisst Hirn

Wer es genau wissen will: Eine Abhandlung der Universität Wien über das No-Arbitrage-Prinzip

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 8. April 2014 | Die Börsenblogger

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