Wie grün sind grüne Anleihen eigentlich?

Wie grün sind grüne Anleihen eigentlich? 

Das Interesse an grünen Anleihen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Doch nicht alle dieser Anleihen auf dem Markt sind durch und durch grün, einige fallen eher in die Kategorie „Greenwashing“. Wie erkennt man diese?

Der Markt für grüne Anleihen wächst rasant. Seit 2015 hat sich das Volumen mehr als versechsfacht. In diesem Jahr werden voraussichtlich grüne Anleihen im Wert von rund USD 300 Milliarden emittiert. Besonders Pensionsfonds interessieren sich zunehmend für diese Anlageklasse.

Problematik Greenwashing

Das zunehmende Interesse ist ermutigend, denn es zeigt, dass nachhaltige Projekte inzwischen bessere Chancen haben, Finanzierungen zu erhalten. Gleichzeitig muss man sich bei diesem rasanten Anstieg des Volumens aber fragen, ob die Anleihen tatsächlich so grün sind, wie ihr Name suggeriert. Aber Anleihen zu identifizieren, die im Kern weniger nachhaltig sind als sie auf den ersten Blick scheinen, ist anspruchsvoll. Dies vor allem, weil es bisher keine offizielle, supranationale und rechtsverbindliche Definition für grüne Anleihen gibt.

Es gibt jedoch erste Aufrufe, dem sogenannten Greenwashing entgegenzuwirken: Die dänische Finanzaufsichtsbehörde (FSA) wies Pensionsfonds und andere Investoren im vergangenen Jahr darauf hin, Investitionen in grüne Anleihen sehr kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Vierstufige Bewertung bei grünen Anleihen

Bei LGT Capital Partners haben wir uns ebenfalls gefragt, wie wir dem Thema Greenwashing begegnen möchten. Zu diesem Zweck haben wir einen strukturierten Analyseprozess entwickelt, um Unternehmen und Organisationen sowie ihre Projekte zu beurteilen und allfälliges Greenwashing frühzeitig zu erkennen.

Zunächst ermitteln wir mithilfe unseres ESG-Cockpits, einem ESG-Analysetool, einen Emittenten- und sektorbezogenen ESG-Score. Der Score teilt die Emittenten in solche mit starken ESG-Prozessen und solche mit eher schwächeren auf. Unter Einbezug von quantitativen und qualitativen Analyseergebnissen vergeben wir anschliessend einen Qualitätsstempel an tatsächlich grüne Anleihen. In der Folge kann ein ESG-Score gesteigert werden, z.B. weil das zugrundeliegende Anleiheprojekt besonders positiv bewertet wird. Dies ist allerdings nur möglich, wenn über die Anleihe langfristige Verbesserungen an einem nachhaltigen Projekt finanziert werden. Schliesslich beurteilen wir, ob die Investition lediglich dazu dienen soll, bestehende operative Prozesse zu finanzieren oder ob sie neue Projekte finanziert, die eine nachhaltige langfristige Entwicklung unterstützen. Letzteres favorisieren wir ausdrücklich.

Es gibt eine Unzahl von Nuancen und Perspektiven, die bei einer solchen Analyse ins Spiel kommen. Daher ist es wichtig, eine unabhängige Zweitmeinung von einer vertrauenswürdigen Bewertungsfirma einzuholen, welche die grüne Anleihe ebenfalls bewertet. Ratings von anerkannten Agenturen sind auf Datenbanken einsehbar – gibt es kein Rating für eine Anleihe, sollte dies auf jeden Fall eine gründliche Klärung der Ursachen nach sich ziehen. Durch die Zweitmeinung können Unsicherheiten in der Bewertung reduziert werden.

Der Überprüfung standgehalten

Die dänische Firma Ørsted hat beispielsweise dieser Prüfung durch unser ESG-Cockpit standgehalten. Heute ist das Unternehmen Weltmarktführer im Bereich Windenergie, vor drei Jahren sah das aber noch anders aus: Ørsted (damals Dong Energy) hatte erhebliche Aktivitäten im Öl- und Gasbereich. Nichtsdestotrotz konnten bestimmte Anleihen, die damals ausgegeben wurden, durchaus als „grün“ eingestuft werden, weil sie zum Beispiel zweckgebundene Finanzierungen von Offshore-Windparks darstellten. So trugen diese Investitionen dazu bei, den Übergang des Unternehmens von der Öl- und Gasenergiegewinnung zum Fokus auf Windenergie zu finanzieren. Ein Schritt der dazu beiträgt, nachhaltiger zu wirtschaften und zu leben.

Nicht ausreichend grün

Ein Unternehmen, das unser Screening nicht bestanden hat, ist die Ölgesellschaft Repsol, die grüne Anleihen für Investitionen in die energetische Optimierung von Ölraffinerien ausgegeben hat. Eine solche Optimierung ist sicherlich wünschenswert, aber wie man es auch dreht und wendet, eine Ölraffinerie gilt nicht als nachhaltige Energiequelle. Daher sind diese grünen Anleihen nach unseren Kriterien nicht ausreichend grün.

Ein weiteres Unternehmen, dessen grüne Anleihen für uns nicht investierbar sind, ist der Flughafen Schiphol in Amsterdam. Durch grüne Anleihen möchte der Flughafen Einnahmen für energieeffizientere Gebäude und einen nachhaltigeren Flughafentransport erzielen. Dies ist zwar eine positive Entwicklung, aber sie ändert nichts an der Tatsache, dass der Luftverkehr nach wie vor grundsätzlich auf fossilen Brennstoffen basiert. Auch eine Investition in energieeffizientere Gebäude und nachhaltigeren Transport schafft da keine Abhilfe.

Genaues Auge bei Investitionen in grüne Anleihen

Diese Analysen zeigen, dass Investoren nicht einfach davon ausgehen können, dass eine grüne Anleihe immer die Finanzierung langfristiger nachhaltiger Entwicklungen ermöglicht. Daher ist es bei Investitionen in grüne Anleihen von entscheidender Bedeutung, genauer zu untersuchen, was genau mit dem Geld finanziert wird. Man sollte sich deshalb jeweils fragen, ob das Unternehmen bei ESG-Massnahmen gut abschneidet, ob eine unabhängige Partei den Grad der Nachhaltigkeit des Projekts überprüft hat und ob das Investment eine nachhaltige, langfristige Entwicklung unterstützt. Auf diese Weise machen Investoren einen wichtigen Schritt, um unseren ökologischen Fussabdruck zu verbessern und Greenwashing zu bekämpfen.

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