Haben wir Ökonom Keynes verstanden?

Haben wir Ökonom Keynes verstanden? 

John Maynard Keynes ist nicht nur einer der einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, sondern möglicherweise der am meisten missverstandene. Vor 60 Jahren, am 21. April 1946, starb der Liberale, der keiner sein sollte.

Das grosse Paradox im Leben des John Maynard Keynes ist, dass er stets entgegen dem Zeitgeist dachte und doch von ihm vereinnahmt wurde wie kaum ein anderer Ökonom. Er war überzeugter Liberaler und Lieblingsfeind vieler liberaler Denker zugleich. Er wurde zum Namenspatron einer exzessiven staatlichen Ausgabenpolitik, obwohl er sich für einen langfristig konsolidierten Staatshaushalt aussprach. Die Fronten der Anhänger und Gegner von John Maynard Keynes wechselten im Laufe seines Lebens mehrfach, ohne dass er selbst sein Denken wesentlich veränderte.

Bereits als Elite-Schüler der Ökonomie und Philosophie an den renommierten britischen Universitäten Eton und Cambridge fiel der junge Keynes durch sehr eigene Denkweisen und Thesen auf. Zwei Säulen bildeten das Grundgerüst seiner Schriften: Er war einerseits von der Effizienz des Marktes überzeugt. Gleichzeitig blickte Keynes jedoch über den Tellerrand des Marktes hinaus und betrachtete das Wechselspiel zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, politischen Entscheidungen und den gesellschaftlichen Auswirkungen. Bereits als Student stellte er fest, dass allgemeiner Wohlstand eine Voraussetzung für Beschäftigung sowie politische und gesellschaftliche Stabilität ist. Gesellschaften, in denen die Balance dieser Kräfte nicht gegeben war, gerieten in eine Abwärtsspirale aus Destabilisierung und Rezession. Die zwanziger Jahre boten ihm mit dem Niedergang der Weltwirtschaft und den kollabierenden Staaten Mitteleuropas reichlich Anschauungsmaterial für seine Thesen. In seinem Hauptwerk The General Theory of Employment, Interest and Money schlug Keynes einen Mechanismus vor, der dem Sog der allgemeinen Krise entgegenwirken sollte: Das so genannte Deficit Spending verlangte von Staaten, in Krisenzeiten durch staatliche Investitionen das Wegbrechen des Konsums und das Abgleiten breiter Bevölkerungsschichten in Armut zu verhindern. In Zeiten wirtschaftlicher Erholung sollten Schulden wieder abgebaut und ein neues finanzielles Polster angelegt werden.

Die Wirklichkeit gab Keynes zunächst Recht: Er inspirierte den New Deal, die massive Modernisierung der USA auf Schuldenbasis, die dem krisengeschüttelten Amerika einen raschen Wiederaufstieg nach der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 ermöglichte. Das Deficit Spending wurde vor allem nach dem zweiten Weltkrieg zur verbreiteten Handlungsmaxime von Ökonomie und Politik – bis die menschliche Wirklichkeit die keynes’sche Lehre aufs Neue einholte: Politische Entscheidungsträger schienen die Begriffe «Deficit» und «Spending» wörtlich zu nehmen und umzusetzen – den Schuldenabbau hingegen nicht. Keynes’ Theorie wurde seit den siebziger Jahren zum Symbol einer gescheiterten politischen Praxis. Es scheint, als hätten viele Interpreten dem Denker nicht über den Tellerrand hinaus folgen können.

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