Handle with care: Porzellangeld aus Meissen

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Wenn das keine noble Notlösung war: Weil nach dem Ersten Weltkrieg nicht genug Metall zur Verfügung stand, liessen die Sachsen ihre Münzen vorübergehend in der Porzellanmanufaktur Meissen herstellen. Aus dem Notgeld von damals wurden längst begehrte Sammlerstücke.

Meissner Porzellan für 20 Pfennig – das übersteigt selbst die Vorstellungskraft jener, die sich noch nicht intensiver mit dem «weissen Gold» aus Sachsen beschäftigt haben. Tatsächlich erzielen die Kunstwerke aus der weltbekannten Manufaktur unweit von Dresden immer wieder Höchstpreise. Doch gab es Zeiten, in denen bestimmte Stücke dieser ersten Adresse nur 20 oder 50 Pfennig wert waren und noch dazu einem so profanen Vorgang wie dem Bezahlen von Einkäufen dienten.

Nach dem Ersten Weltkrieg mangelte es in Deutschland allenthalben an Metallen zur Herstellung von Münzen. Da kam man in der staatlichen Porzellanmanufaktur in Meissen auf die Idee, Notgeld in Form von Münzen aus dem 1919 patentierten, braunen Böttgersteinzeug (auch Feinsteinzeug genannt) herzustellen. Mehrere Städte und das Land Sachsen waren sofort sehr angetan von diesem Vorschlag. Sogar das Deutsche Reich liess einige Probemünzen anfertigen.

Ganz neu war diese Idee freilich nicht. In Siam, das weitgehend dem heutigen Thailand entsprach, befanden sich ab Ende des 18. bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits künstlerisch durchaus wertvolle Porzellanmünzen im Umlauf. Sie tauchten zuerst in den berüchtigten Spielhöllen auf, wo sie als eine Art Jetons genutzt wurden. Es handelte sich also anfangs strenggenommen um keine Münzen. Sie bestanden aus weißem Steingut und waren mit farbigen Schriftzeichen und häufig auch mit bildlichen Darstellungen verziert. Da in Siam irgendwann das Kleingeld ausging, kamen die Porzellan-Jetons als Münzen in Umlauf und wurden als Zahlungsmittel akzeptiert. Plötzlich aber stieg die Zahl der ausgegebenen Porzellanmünzen sprunghaft, und König Chula Longkorn sorgte sich angesichts dieser inflationären Effekte um die Geldwertstabilität. Im Jahr 1875 verbot er daher diese Form der Porzellangeld-Schöpfung.

In Sachsen hingegen war alles von Anfang an unter strenger staatlicher Aufsicht. Die Manufaktur Meissen wurde vom sächsischen Finanzministerium ermächtigt, in den Jahren 1920 und 1921 Porzellanmünzen zum Nennwert von 20 und 50 Pfennig sowie 1 und 2 Mark herzustellen. Die höherwertigen, mit Goldranddekor verzierten Münzen mit dem Nennwert von 5, 10 und 20 Mark galten laut einer Verordnung des sächsischen Finanzministeriums nicht als Geldersatz, sondern als (begehrte) Sammlerstücke.

Über Sachsen hinaus fand Porzellan-Notgeld lediglich in ein paar kleineren Regionen mit keramischer Industrie Nachahmer, so zum Beispiel im Westerwald zwischen Frankfurt und Köln. Vorübergehend interessierte sich sogar das Finanzministerium in Guatemala für die sächsische Geldinnovation. Der mittelamerikanische Staat wollte aus diesem außergewöhnlichen Material 2-Pesostücke herstellen lassen. Doch weder die Guatemalteken noch das deutsche Reichsfinanzministerium entschieden sich für das Porzellangeld. Ihr Hauptargument: Diese Münzen seien einfach zu zerbrechlich. Aber vielleicht hätte das sogar einen pädagogischen Effekt gehabt: Mit zerbrechlichem Geld geht man vorsichtiger um.

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