Hochfrequenzhandel: das Tempo macht‘s

Hochfrequenzhandel: das Tempo macht‘s 

Wer schneller als andere über kursrelevante Informationen verfügt, kann eine schöne Stange Geld verdienen.

Es ist der 18. Juni 1815, einige Kilometer südlich von Brüssel: Napoleon Bonaparte verliert die alles entscheidende Schlacht bei Waterloo gegen General Wellington. Dank seines schnellen Botens erfährt dies der Londoner Bankier Nathan Mayer Rothschild vor seinen Konkurrenten. Er kauft unverzüglich englische Staatsanleihen auf, deren Preis wegen einer befürchteten Niederlage der Alliierten zusammengebrochen ist. Einige Tage später trifft die offizielle Nachricht vom Sieg Wellingtons in London ein. Rothschild kann seine Anleihen mit einem schönen Kursgewinn wieder verkaufen und so den sagenhaften Reichtum seiner Dynastie begründen.

Ob sich die Geschichte tatsächlich so zugetragen hat, ist umstritten. Sie zeigt aber eindrücklich, wie gewinnträchtig ein Informationsvorsprung an der Börse sein kann. Und das gilt bis heute. Nur geht es heute nicht mehr um die Tage, die ein Bote von Brüssel nach London braucht. Im modernen Hochfrequenzhandel genügen winzige Bruchteile von Sekunden, um Gewinnmöglichkeiten zu entdecken und auszunützen. Möglich wird dies durch computerbasierte Handelsstrategien und  immer schnellere Übertragungsmedien. So benötigen Mikrowellen lediglich noch achteinhalb Millisekunden für die Strecke von Chicago nach New York und zurück. Ein Hochfrequenzhändler kann dies beispielsweise nutzen, um einen winzig kleinen Augenblick vor anderen Marktteilnehmern zu erfahren, dass ein Grossanleger Aktien kaufen möchte und zu welchem Kurs. Er kann diese Aktien nun selbst kaufen und fast gleichzeitig wieder mit Gewinn verkaufen, wenn der Grossauftrag Millisekunden später an der Börse eintrifft. Der Gewinn pro Aktie beträgt vielleicht nur Bruchteile von Rappen, bei grossen Transaktionen und Tausenden von Aufträgen resultiert aber doch ein ansehnlicher Gewinn. Hochfrequenzhändler in den USA zahlen deshalb erkleckliche Summen, um ihre eigenen Computerserver möglichst nahe bei den Börsenrechnern platzieren zu können und damit die Übertragungswege zu minimieren.

Obwohl der Hochfrequenzhandel an den Weltbörsen mittlerweile über die Hälfte des Umsatzvolumens ausmacht, ist er umstritten. Befürworter führen ins Feld, dass Hochfrequenzhändler für Liquidität sorgen und damit zu einem sicheren, effizienten Handel beitragen, ohne die Preise für den einzelnen Anleger merklich zu beeinflussen. Gegner argumentieren, dass Hochfrequenzhändler auf Kosten der anderen Marktteilnehmer risikolose Gewinne erzielen und die Börsen destabilisieren können. Egal wer Recht hat: Der Hochfrequenzhandel birgt Zündstoff und es wird wohl kaum mehr lange dauern, bis die Regulatoren aktiv werden.

Leselinks:

  • Hendrik Ankenbrand bricht in der FAZ online eine Lanze für den Hochfrequenzhandel
  • Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann schreibt im Blog «Never mind the markets» über die nicht wegzukriegende Rothschild-Legende
Es gibt 1 Kommentar zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 30. September 2014 | Die Börsenblogger

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