ICO: Der digitale Börsengang

ICO: Der digitale Börsengang 

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Der Begriff „kryptisch“ ist im Zeitalter von Blockchain und Bitcoin doppeldeutig: Er steht für die perfekte Verschlüsselung digitaler Zahlungen, aber auch für Prozesse, die wir kaum noch entschlüsseln können. Auf die so genannten ICOs, die Initial Coin Offerings, trifft häufig beides zu.

Begeben wir uns in die Gedankenwelt eines kleinen Startups. Stellen wir uns vor, welche Hürden sich vor dem Team der jungen Gründer auftürmen, wenn es um die Vorfinanzierung ihres Projekts und des zukünftigen Erfolges geht. Die Suche nach Kapitalgebern führt unser Startup in die Welt der Finanzregularien, Genehmigungen und komplexen Entscheidungsprozesse und damit in genau die Gefilde, die viele Startups mit smarten digitalen Anwendungen eigentlich überwinden wollen. Was liegt also näher, als „das Establishment“ nicht nur mit neuen Geschäftsmodellen, sondern gleich mit einer neuen Art der Finanzierung heraus zu fordern?

Der erste ICO, das erste Initial Coin Offering, wurde im April 2014 von der Karmacoin-Community initiiert. Die digitalen Aktivisten suchten nach Möglichkeiten, soziale Projekte zu finanzieren, ohne auf Spenden oder klassische Kapitalgeber angewiesen zu sein. Sie gaben für ein Schulprojekt in Kenia digitale Anteile in einer Kryptowährung heraus. Die Förderer des Projekts erwarben diese Anteile in Form verschlüsselter Codes, so genannter Tokens. Mit diesen Tokens konnten sie sich unkompliziert sozial engagieren und waren gleichzeitig über ihre Anteile an möglichen Gewinnen beteiligt. Dieser erste ICO war so erfolgreich, dass neben dem sicherlich reichlich fliessenden Karma vor allem die schnelle Kapitalakquise in den Fokus des Interesses rückte.

Ein ICO ähnelt auf den ersten Blick dem namensstiftenden IPO, dem Initial Public Offering, bei dem ein Unternehmen Kapital über die Ausgabe von Anteilen an der Börse aufnimmt. Startups wie jüngst der amerikanische Cloud-Speicher-Anbieter Filecloud, oder die Schweizer Handelsplattform Lykke nahmen mittels ICO ein Vielfaches des Startkapitals ein, als sie über eine klassische Risikokapitalfinanzierung aufnehmen hätten können. Dem ICO fehlen allerdings einige wesentliche Eigenschaften eines Börsenganges – im Gutem wie im Schlechten.

Ein ICO ist unkompliziert, unbürokratisch und lässt den jungen Unternehmen maximale Freiheiten. Er ist aber auch kaum kontrolliert und nicht immer transparent: Ein Token ist zunächst einmal nur ein codiertes Versprechen, kein Unternehmensanteil im rechtlichen Sinne. Die Kombination aus maximaler Freiheit und unklarer Rechtslage rief unlängst die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma auf den Plan, die jetzt quasi rückwirkend prüft, ob Schweizer ICOs rechtskonform abliefen. Angesichts des Milliardenumsatzes, den ICOs bereits heute weltweit erzielen, scheint die zukünftige Entwicklung absehbar: ICOs werden zur finanziellen Normalität werden und sich gewissen Regulierungen beugen müssen – aber gleichzeitig werden sie uns neue Freiheiten der Startup-Finanzierung eröffnen.

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  1. Pingback: Finanzblogroll - Schulterblick - Finanzartikel KW 44 / 2017

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