Inbegriff des Luxus: Das Lusthaus namens Kiosk

Inbegriff des Luxus: Das Lusthaus namens Kiosk 

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Tabak, Bonbons, Zeitungen: Der Kiosk an der Ecke ist ein Supermarkt im Kleinstformat. Bloss: Sein Urahn hatte nichts mit Verkaufen zu tun. Mit Geld – sehr viel Geld! – dagegen schon.

Im Jahr 1786 geht das Wort „Kiosk“ zum allerersten Mal über den Tresen der deutschen Sprachgeschichte. Der sinnbildliche Verkäufer Johann Georg Krünitz praktiziert zwar als Arzt in Berlin, aber seine grosse Leidenschaft sind eine 15 000-bändige Privatbibliothek und das Schreiben. In seiner „Oeconomischen Encyclopädie“ sammelt er mit ungeheurem Fleiss alle Begriffe des Deutschen, darunter auch das zu dieser Zeit noch kaum bekannte Wort „Kiosk“. Ein Kiosk, schreibt Krünitz, ist „ein Gebäude bey den Türken, welches in etlichen nicht gar hohen Säulen besteht, die also gesetzt sind, dass sie einen gevierten Raum umgeben, der mit einem Zelt=Dache bedeckt, und wo unten umher ein Gang ist. Dergleichen Lust=Gebäude oder offener Säle bedienen sich die Türken in ihren Gärten und auf Anhöhen, die frische Luft und angenehme Aussicht zu geniessen.“

Die Globalisierung des Luxus

Der Kiosk kommt aus dem alten Persien, und wie bei Aufklärer Krünitz war ein Kiosk nicht ein Verkaufsstand, sondern vielmehr ein Gartenhaus in einem Lustgarten. Pavillons dieser Art waren bei den persischen Fürsten, aber auch in Indien en vogue: Ähnlich wie heute ein Swimmingpool oder ein Tennisplatz signalisierte ein im Park stehender Kiosk Reichtum und Ansehen gleichermassen, einmal davon abgesehen, dass das Lustwandeln Musse erforderte, die dem Adel vorbehalten war.

Luxusgüter neigen seit jeher zur Globalisierung, denn was dem Herrscher lieb und teuer ist, facht das Begehren des blaublütigen Besuchers an. Zusammen mit der Gartenarchitektur wanderte daher auch der Pavillon allmählich nach Westen, im 15. Jahrhundert ins osmanische Reich, wo im Topkapi-Palast in Istanbul ein erster Kiosk entstand und wo sich die persische Bezeichnung im türkischen Wort „Köşk“ niederschlug. Mit der Zeit wurde daraus der deutsche „Kiosk“, als Bezeichnung für jenes reich verzierte, aufregend exotische Gartenhaus, mit dem Friedrich der Grosse Mitte des 18. Jahrhunderts den Park des Schlosses Sanssouci in Potsdam ausstattete. Pavillons im orientalischen Stil wurden immer beliebter – wer einen Park anlegte und etwas auf sich hielt, liess sich auch einen Gartenpavillon bauen. Kioske sprossen aus dem Boden, von Paris bis München, von Louis XV. bis zum Bayernkönig Ludwig II.

Der Kiosk: Ein immer härteres Los

Mit dem Untergang des osmanischen Reichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann das Interesse an den höfischen Kiosken zu schwinden. Das Wort aber blieb: Im 19. Jahrhundert wurde in Paris aus dem umgangssprachlichen „kiosque“ ein Verkaufsstand, der Blumen und Zeitungen anbot – anfänglich im Park, dann immer häufiger auf dem Boulevard (weshalb die Strassenverkaufs- bis heute „Boulevardzeitung“ heisst). Heute ist der Kiosk an der Ecke aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. In Deutschland stehen je nach Quelle zwischen 20 000 und 50 000 Kioske; in der Schweiz erzielte der Kioskkonzern Valora in seinen über 1000 Kiosken 2017 einen Umsatz von 1,3 Mrd. Franken. Das Los der kleinen selbständigen Kioskbetreiber dagegen wird härter: In den vergangenen sieben Jahren, schätzt der Schweizerische Kioskinhaberverband, sind mehr als 10 Prozent der Quartierkioske für immer verschwunden.

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