Indirekte Investment-Prozesse: So autonom wie self-driving cars?

Indirekte Investment-Prozesse: So autonom wie self-driving cars? 

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Mit der Nutzung von autonomen Fahrzeugen geben Autofahrer ihre Entscheidungsgewalt ab – genau wie Anleger bei der Wahl von indirekten Investment-Prozessen. Was Investoren von der neuen Technologie lernen können.

Nehmen wir an, einem Reisenden stehen am Bahnhof zwei Optionen zur Verfügung: Entweder er steigt in ein klassisches Taxi ein, mit dem ein Fahrer ihn zum Ziel fährt, oder er nimmt in einem autonomen Fahrzeug Platz, in dem der Fahrer stark von der Technologie unterstützt wird. Im ersten Fall traut der Reisende einer anderen Person alle Entscheidungen zu, welche nötig sind, um das Ziel zu erreichen. Im zweiten Fall ist sein Vertrauen auf zwei Elemente verteilt: die Fahrer-Entscheidungen und die unterstützende Technologie (Sensoren, Hardware, Software, usw).

Selbst bestimmen oder bestimmt werden

Diese Situation erinnert an zwei Optionen, welche institutionellen Anlegern zur Verfügung stehen: die direkte oder indirekte Vermögensverwaltung. Entscheidet sich ein Anleger für den direkten Weg, wird sein Geld von einem Manager entsprechend einer vorab definierten Anlagestrategie investiert: Der Manager trifft – wie der klassische Taxifahrer – alle nötigen Entscheidungen. Beim indirekten Weg wählt der Anleger einen Asset Manager, der seinerseits externe Manager bestimmt und ein Portfolio aus deren Strategien und Talenten bildet, um das Geld verwalten zu lassen: Der Asset Manager verhält sich ähnlich wie der Fahrer im autonomen Fahrzeug, der nur einen Teil der Entscheidungen selbst trifft und den Rest der Technologie überlässt.

Asset Manager lassen das «Fahrzeug» aber nicht einfach so fahren. Ein Investment-Prozess dient ihnen als zentrales Regelwerk – als ihre Navigation. Er definiert, wie das anvertraute Kundengeld durch die beauftragten externen Manager in einer bestimmten Anlagelösung verwaltet wird. Weiterhin legt er beispielweise fest, nach welchen Kriterien die externen Manager ausgewählt werden, wie solche Manager überwacht werden, wer für welche Entscheidungen zuständig ist, wie die verschiedenen Manager für eine Lösung zusammengesetzt werden und nach welchen Risiko-Grössen eine solche Lösung überwacht wird.

Orientierungslose Navigation?

Der Investment-Prozess eines Asset Managers kann sehr detailliert ausfallen – und dennoch haben indirekte Investment-Prozesse ein höheres Risiko, zu unerwünschten Ergebnissen führen, wie die folgenden Aspekte veranschaulichen:

  • Eingeschränkte Flexibilität: Einem indirekten Investment-Prozess liegen mehrere Annahmen zugrunde. Deren Revision führt meistens zu tiefgreifenden Auswirkungen auf den gesamten Prozess und ist daher sehr aufwendig. Zudem werden die Effekte erst mit einer Verzögerung von ein bis zwei Jahren spürbar. Daraus entsteht eine implizite Trägheit, welche den Prozess wenig anpassungsfähig macht.
  • Entscheidungsvakuum: In einem indirekten Investment-Prozess kann man sich erlauben, einige Entscheidungen einfach nicht zu treffen. Denn solange keine explizite Investment-Regel verletzt wird, kann das Geld weiterhin von externen Managern verwaltet werden bzw. ihnen die Entscheidung überlassen werden. Keine Entscheidungen zu treffen, birgt jedoch die Gefahr, dass der Prozess den Investor in eine ungewollte Richtung führt.
  • Fehlende Zielstrebigkeit: Der indirekte Prozess setzt die Rahmenbedingungen fest, aber die Ausgestaltung der Anlagelösung über die Zeit muss vom Investor festgelegt werden. Innerhalb eines Investment-Prozesses sind mehrere Varianten möglich und der Asset Manager muss sie erkennen und sich für eine entscheiden. Das heisst, der Prozess allein wird das Mandat nicht zum Ziel führen.

Solche Risiken eines indirekten Investitionsansatzes erinnern an die Situation der selbstfahrenden Autos in unserer Analogie: Auch hier werden dem Fahrer viele seiner Entscheidungen von einem Regelwerk – ähnlich zum indirekten Investitionsprozess – abgenommen und auch hier ergeben sich ähnliche Probleme.

  • Eingeschränkte Flexibilität: Die Auto-Software ist zum Beispiel für Verkehrssituationen in westeuropäischen Städten programmiert. Möchten wir damit unfallfrei in Städten wie Istanbul, Tokyo oder Sao Paulo – sprich, in einem komplett unterschiedlichen Verkehrsumfeld mit deutlich mehr Verkehr und anderen Regeln – fahren, müssten die Prozesse der Software neu definiert werden.
  • Entscheidungsvakuum: Ist ein Auto beispielsweise auf einer Bergstrasse unterwegs, schaltet Software automatisch den Vier-Rad-Antrieb an, selbst wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Der Fahrer kann problemlos den Vier-Rad-Antrieb aktiv lassen – d.h. er trifft keine aktive Entscheidung dagegen – auch wenn es nicht ganz sinnvoll ist: es wird mehr Energie verbraucht als nötig ist, ohne dass man schneller vorankommt
  • Fehlende Zielstrebigkeit: Zum Ziel führen zwei vergleichbare Strassen A und B, beides Landstrassen. Die Entfernungen sind ähnlich, aber die Verkehrslage hängt von unzähligen Faktoren ab. Diese machen eine zuverlässige Prognose über den schnelleren Weg schwierig. Was die Software bei der Entscheidung zum Beispiel nicht weiss, an was sich der Fahrer aber erinnert, macht die Route B zur besseren Wahl: Entlang A wird ein neues IKEA-Einkaufszentrum eingeweiht und es kommt höchst wahrscheinlich zu Verkehrsbehinderungen.

Autonome Fahrzeuge decken die Schwächen von indirekten Prozessen auf, bei denen menschliche Entscheidungen reduziert oder sogar ausgeblendet werden. Sie stellen deshalb auch eine interessante Analogie zu indirekten Investitionsprozessen dar und können in vieler Hinsicht lehrreich sein. Vielleicht sind die heutigen technischen Schwierigkeiten der ersten selbstfahrenden Autos sogar ein warnendes Zeichen für zu viel Delegation von Verantwortung in Investment-Prozessen, bei denen die Risiken noch nicht völlig ausgeschlossen werden können.

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