Innovation im Finanzsektor – eine Illusion? 

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In den vergangenen Jahren spricht man in der Finanzbranche oft von Innovation. Inwiefern ist die Übertragung dieses Begriffes auf die Finanzwelt gerechtfertigt? Ist es sinnvoll, von Innovation zu sprechen, wenn es um Geld und Geldinstrumente geht?

Wir sprechen von Innovation als einer Kombination von wissenschaftlicher Erkenntnis und deren technologischer Umsetzung, welche zu einer Verbesserung des Status Quo führt. Beispiele dafür wären Innovationen wie die Atomenergie (Atomphysik -> Kernkraftwerke) oder die Digitalisierung der Daten (Laser -> CD/DVD). Kann man solche Beispiele auch in der Finanzwelt finden?

Wir suchen daher zunächst nach einer wissenschaftlichen Erkenntnis zum Thema «Geld». Betrachtet man die fundamentalen Operationen, bei denen Geld eine Rolle spielt (kaufen oder verkaufen, Geld ausleihen oder jemanden leihen) zeigt sich, dass in Geld nichts steckt, dessen Entdeckung zu einer finanztechnischen Innovation führen konnte. Geld ist kein Atom oder Licht, das seit Jahrhunderten Gegenstand der Forschung ist und dessen komplexen Struktur neuen Technologien begründen könnte. Innovation ist daher im Finanzbereich aufgrund der einfachen und unveränderbaren Natur seines Grundbausteins – des Geldes – nicht möglich. Es ist so als ob das Atom in der Atomphysik das Atom von Demokrit (einfach ein unteilbares Teilchen) wäre und nicht das Atom von Bohr und Einstein (ein Kern aus Protonen und Neutronen mit einer Hülle von Elektronen etc.).

Diese Schlussforderung findet vermutlich keine breite Zustimmung, da die Finanzbranche gerne Innovationen für sich in Anspruch nimmt. Komplexe Finanzprodukte gelten als innovativ, aber das vermeintlich Innovative daran ist eine Illusion. Die komplexen Kreditinstrumente der letzten Krise sind ein Beispiel dafür: man glaubte, Instrumente erfunden zu haben, welche das Kreditrisiko im Hypothekarbereich weitgehend neutralisieren konnten. Dabei hatte man aber die Grundprinzipien des Geldausleihens und Geldleihens verletzt – es wurden hohe Summen an bonitätsschwache Kunden ausgeliehen. Keine innovative Struktur kann unter diesen Bedingungen Investoren von den Folgen einer starken Korrektur im Immobilienmarkt schützen.

Wenn Innovation sich als eine Chimäre erweist, was bleibt?

Die Finanzbranche wird sich auch weiterhin mit Geld und seinen Grundoperationen beschäftigen. Dabei sollte sie danach streben, ihre Künste zu verfeinern. In diesem Sinne kann man den Zugang zu den Märkten für die Investoren effizienter gestalten, die Transaktionskosten verringern, den Informationsaustausch transparenter machen und Asymmetrien reduzieren, etc. Etwa so wie bei einer Manufaktur mechanischer Uhren: man hat nur Räder, Federn und Schrauben zur Verfügung und versucht mit diesem Material die Zeitmessung präziser, die Dicke des Gehäuses kleiner und das Kalender ‚ewiger‘ zu machen. Aber man wird nie eine Quarz- oder Atomuhr bauen können.

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