Innovative Investment-Strategien – eine Chimäre?

Innovative Investment-Strategien – eine Chimäre? 

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Anlagenstrategen werben gerne mit „innovativen Ansätzen“ für sich. Sie versprechen häufig attraktive Risiko-/Rendite-Profile für die Investoren. In den meisten Fällen ist aber der innovative Charakter der Strategien von geringerer Tragweite als erwartet, oder er entpuppt sich gar als illusorisch. Wodurch entsteht die – oft sehr hohe – Erwartungshaltung der Investoren, in innovativen Strategien zu investieren? Eine Spurensuche in vier Schritten:

A – Das kurze Gedächtnis

Mehrere Faktoren führen dazu, dass die Finanzindustrie über ein kurzes Gedächtnis verfügt:

  1. Die Akteure der Finanzwelt blicken lieber in die Zukunft. Folglich gibt es weniger Platz für historische Rückblicke oder Analysen.
  2. Die Erkenntnisse der einzelnen Investoren werden nicht systematisch erfasst. Es fehlt sozusagen ein Archiv – zum Beispiel in einer ähnlichen Form wie akademische Zeitschriften –, in welchem Erfahrungen, Know-how, usw. gespeichert werden.
  3. Die Finanzindustrie ist als dynamische Branche von einer hohen Mitarbeiter-Fluktuation geprägt. Mit den Köpfen wechselt die besondere Erfahrung und so zerfällt das kollektive Gedächtnis der Akteure.

Manche Investoren vergessen also schlicht, dass einige Ansätze schon in der Vergangenheit angewendet wurden und denken, sie stehen vor etwas „Neuem“. Manchmal werden altbekannten Ansätzen auch einfach neue Namen und Terminologien vergeben – und es entsteht der Eindruck, etwas „Neues“ sei kreiert worden. Ein Beispiel dafür: Systematische Strategien auf einzelnen Aktientiteln, welche einen „Value“- oder „Momentum“-Ansatz verfolgen, sind seit Jahren bekannt. Klassifiziert unter der neu erschaffenen Kategorie von „Alternativen Risikoprämien“ werden nun diese Strategien als „neuste Innovation“ gefeiert.

B – Die intellektuelle Komplexität

Neue und komplexe Strukturen werden oft als „fortschrittlich“ angesehen: Gute Beispiele dafür sind strukturierte Produkte und Kreditinstrumente. Komplexität erweckt oft die Illusion, „der nächste Schritt“ sei gemacht worden. Dabei wurden bekannte Risikoquellen nur hinter einer komplexen – vielleicht intellektuell ansprechenden – Architektur verschleiert. Die komplexen Kreditinstrumente der Sub-prime-Krise sind ein Beispiel dafür. Man glaubte, Instrumente erfunden zu haben, welche das Kreditrisiko im Hypothekarbereich weitgehend neutralisieren konnten. Dabei hatte man aber die Grundprinzipien der Kreditvergabe verletzt: aggregiert wurden hohe Summen an bonitätsschwache Kunden ausgeliehen. Unter diesen Bedingungen kann keine Struktur Investoren von den Folgen einer starken Korrektur im Immobilienmarkt schützen – wie innovativ sie auch erscheinen mag.

C – Die Übernahme von wissenschaftlichen Innovationen

Die Finanzbranche übernimmt gerne innovative Techniken und Lösungen, die in anderen Branchen wie in der Mathematik, der Informatik, der künstlichen Intelligenz, usw. entwickelt wurden. Durch die Anwendung dieser „fremden“ Techniken erhofft man sich einen technologischen, informativen, usw. Vorsprung. Die Übertragung dieser externen Techniken auf Anlagenstrategien ist aber kein schnell wirksamer und linearer Prozess und schon gar kein Erfolgsgarant: Eine positive Wirkung (und welche) wird erst mit der Zeit – wenn überhaupt – für Investoren spürbar.

Ein Beispiel: Die Analyse von Satelliten-Bildern von Einkaufszentren-Parkplätzen können die Informationen eines fundamentalen Long-Short-Equity Managers bereichern. Zudem verleiht die neue Daten-Quelle seinem Ansatz sicherlich einen innovativen Charakter. Allerdings führen solche Bilder-Analysen nicht notwendigerweise zur einer besseren Rendite. Vielleicht ist es dem Manager (noch) unklar wie er diese Analysen am besten in seiner Strategie einbettet, oder der Markt erlebt eine Phase, in der Makro-Faktoren eine wichtigere Rolle als unternehmensspezifische Informationen spielen, oder es gibt vielleicht doch keinen relevanten Zusammenhang zwischen den Bildern und der Strategie vom Manager, usw.

D – Der (historische) Erfolg

Da eine innovative Strategie „neue“ Ansätze anwendet, gibt es logischerweise kaum einen langen Track-Record, welcher ihren Erfolg untermauern könnte. Aus diesem Grund werden meistens historische Simulationen berechnet, um zu zeigen, welche Rendite die neue Strategie in der Vergangenheit erzielt hätte. Diese Simulationen zeigen immer sehr gute Ergebnisse – als „Beweis“ einer gelungenen Innovation – und sie legen nahe, dass sich die Erfolgsgeschichte auch in der Zukunft fortsetzt. Durch den Vergleich mit Strategien, die über denselben Zeitraum keine solch positiven Ergebnisse erzielen konnten, entsteht oft der Eindruck, dass die vermeintlich innovativen Ansätze „greifen“. Die bessere – obwohl virtuelle – Rendite suggeriert den angeblichen Vorsprung der neuen gegenüber den alten Strategien. Allerdings gibt dieser historische pro-forma-Rückblick den Investoren in Wahrheit nur eine einzige Gewissheit: Die Innovation hätte wohl die historischen Renditen verbessert – ob das der Fall in der Zukunft sein wird, bleibt offen.

Innovation im Anlagegeschäft ist also rarer als man denkt. Diese Schlussforderung findet vermutlich keine breite Zustimmung, da die Finanzbranche gerne Innovationen für sich in Anspruch nimmt. Die Suche nach attraktiven Renditen lebt natürlich auch von „innovativen Ansätzen“ . Allerdings sollen Investoren aufpassen, nicht einer Chimäre nachzujagen.

Vermeintliche innovative Ideen für Anlagestrategien gehen der Finanzbranche nie aus, weshalb ich dieses Phänomen bereits zum dritten Mal aufgegriffen habe.

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