Inverse Zinskurve – Rezessionssignal oder „lediglich“ ein Zeichen von Angst?

Inverse Zinskurve – Rezessionssignal oder „lediglich“ ein Zeichen von Angst? 

Die Furcht vor einer weltweiten Rezession hält die Kapitalmärkte derzeit fest im Griff. Genährt werden die Befürchtungen vom anhaltenden Handelskonflikt und weiteren geopolitischen Unsicherheiten, einer Serie enttäuschender Konjunkturdaten sowie den jüngsten Entwicklungen am Anleihemarkt, wo in den USA und Grossbritannien eine teilweise inverse Zinskurve beobachtet werden konnte.

In der vergangenen Woche stieg die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen seit 2007 erstmals wieder über diejenige der zehnjährigen Papiere und auch in Grossbritannien war dieselbe Konstellation zu beobachten. Dieses Phänomen wird als „Inversion der Zinskurve“ bezeichnet und gilt in der Theorie als verlässlicher Indikator für eine kommende Rezession. Einige Ökonomen bezeichnen die aktuelle Situation gar als das stärkste Rezessionssignal seit der Finanzkrise vor zehn Jahren. Auf jeden Fall ist der Renditerückgang bei langfristigen US-Staatsanleihen ein Zeichen dafür, dass eine Mehrheit der Anleger mit einer spürbaren Abkühlung der Konjunktur rechnet.

Rendite US-Staatsanleihen

Dow Jones: dramatischer Tagesverlust

In Phasen sinkender Leitzinsen – wie vor Kurzem durch eine erste geldpolitische Lockerung der US-Notenbank angestossen – ist es für Investoren attraktiver, langlaufende Staatsanleihen zu halten. Bei steigenden Leitzinsen hingegen, fallen die Kurse für langlaufende Anleihen deutlich stärker als für kurzfristige Papiere. Betrachten wir nun die unmittelbare Reaktion der Finanzmärkte in der vergangenen Woche – der Dow-Jones-Index verbuchte am Mittwoch, den 14. August, einen dramatischen Tagesverlust von rund 800 Punkten – so müssen wir davon ausgehen, dass die Märkte diesem Konjunktursignal starke Bedeutung beimessen. Berechtigterweise, konnten doch vor jeder der letzten fünf Rezessionen in den USA Perioden mit einer negativen Zins-Differenz beobachtet werden.

Negatives Zinsumfeld fördert Nachfrage nach langen Laufzeiten

Die Nachfrage der Investoren nach langlaufenden amerikanischen Staatsanleihen hat jedoch auch noch einen anderen Hintergrund. Im gegenwärtigen und dem seit längerem anhaltenden Umfeld werfen Anleihen mit einem Marktvolumen von geschätzten USD 16 Billionen negative Zinsen ab. Dass Investoren lange laufende amerikanische Staatsanleihen nachfragen, ist daher nicht verwunderlich, da diese noch einen positiven Ertrag liefern. Die zu beobachtende Inversion der US-Zinskurve ist daher auch durch das globale Tiefzinsumfeld begründet.

Problem für Banken und Realwirtschaft

Die Inversion der Zinskurve dürfte insbesondere für den Bankensektor zur Herausforderung werden. Denn die aktuelle Situation belastet das herkömmliche Geschäftsmodell, welches auf der Zinsmarge aus kurzfristigen Einlagen und langfristigen Krediten beruht. Dies führt dazu, dass Banken weniger Kredite vergeben und die Investitionen der Unternehmen sinken. Dadurch wird die Realwirtschaft geschwächt und der Druck auf die Notenbanken, die Leitzinsen zu senken, steigt nochmals.

Nur schwer vorauszusehen

Aufgrund der historischen Evidenz sollten Anleger eine inverse Zinskurve durchaus als Warnsignal betrachten. Es bleibt jedoch äusserst schwierig (wenn nicht unmöglich), eine bevorstehende Rezession, insbesondere den Zeitpunkt ihres Beginns, vorherzusagen. Dies zeigt auch das Beispiel des ehemaligen US-Notenbankchefs Ben Bernanke. Der renommierte Wirtschaftswissenschafter verfügte zu seiner Zeit als Fed-Präsident wohl über den besten Informationsstand und konnte im Januar 2008 die kurz darauffolgende weltweite Rezession im Gefolge der Lehman-Pleite im September 2008 dennoch nicht voraussehen. Dabei kam es im Vorfeld, genauer im August 2006, ebenfalls zu einer Inversion der Zinskurve. Die Rezession folgte aber erst 16 Monate später.

Es ist sicherlich ratsam, die Warnsignale nicht zu ignorieren. Jedoch ist eine inverse Zinskurve nur ein Hinweis auf eine mögliche Rezession. Trotz ihrer Aussagekraft spiegelt sie letztlich nur die Erwartungshaltung der Marktteilnehmer.

Alessandro Fezzi, Senior Investment Writer bei LGT Bank Schweiz
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