Italiens Banken: Nur die Geldpolitik kann’s richten

Italiens Banken: Nur die Geldpolitik kann’s richten 

Artikel bewerten

Englands Brexit-Votum hat das Augenmerk der Märkte erneut auf die Defizite der Europäischen Union (EU) gelenkt und einige «Kollateralschäden» verursacht. Für Schlagzeilen sorgen aktuell insbesondere die italienischen Banken. Medien und Experten diskutieren dabei zu oft am eigentlichen Problem vorbei.

Die ausfallgefährdeten italienischen Bankkredite haben sich seit 2008 mehr als verdreifacht und betragen nun rund 350 Milliarden Euro. Der Wertberichtigungsbedarf wird auf gut 200 Milliarden Euro geschätzt – das sind ungefähr 12 Prozent von Italiens nominalem Bruttoinlandprodukt (NBIP). Die Banken sollen für etwa die Hälfte dieses Betrags bereits Vorsorge getroffen haben. Dennoch ist klar: Hier tickt eine finanzielle Zeitbombe, die entschärft werden muss.

Die Diskussionen dazu konzentrieren sich in der Regel leider auf die Bekämpfung von Symptomen und auf technische Fragen – oft in Kombination mit wenig hilfreichen Moralpredigten. Aber worum geht’s wirklich? Im derzeitigen Streit zwischen Rom, der EU und den Geberländern geht es in erster Linie um das sogenannte «Bail-in»-Prinzip, also der gerade erst vereinbarten Haftungsausweitung auf Gläubiger im Falle eines Bankenkonkurses. Die hehren Absichten scheinen dabei wieder einmal in der Umsetzung zu scheitern. Die italienische Regierung wehrt sich aufgrund diverser zu erwartenden Nachwehen gegen den Einbezug der Gläubiger. Sie will letztlich eine staatliche Rettung mit europäischer Rückendeckung.

Das Muster der Diskussionen ist bekannt: Die Betroffenen fordern die Berücksichtigung der Ausnahmeklauseln, während die Gläubigerländer solange wie möglich auf eine strikte Auslegung pochen. Und wir hören die üblichen Beschwörungen der Reformen, mit denen Italiens Wirtschaft endlich fit fürs Wachstum werden soll. Währenddessen verschlechtert sich die Situation, weil die zugrundeliegende Hauptursache nicht wirklich angepackt wird.

Schuld ist die Geldpolitik

Der dänische Ökonom Lars Christensen gehört zu den wenigen, die der Sache auf den Grund gehen. Schuld am italienischen Problem sind weder das schleppende Reformtempo noch die Finanzkrise von 2008 oder eine verantwortungslose Kreditpolitik der heimischen Banken. Das rasante Wachstum des faulen Kreditberges haben wir dem strengen geldpolitischen Korsett des Euros und der lange Zeit – für die Bedürfnisse Italiens – viel zu restriktiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) zu verdanken. Am einfachsten lässt sich dieser Zusammenhang folgend darstellen:

Italien: NBIP und faule Kredite

160721Blog_ItalienNBIP_Kredite

Die rote Linie zeigt die Abweichung des italienischen NBIPs vom langfristigen Trend bis 2008. Die blaue Linie zeigt die ausfallsgefährdeten Kredite im Verhältnis zur Gesamtwirtschaftsleistung Italiens – etwa ein Jahr nach Beginn des NBIP-Einbruchs steigt auch das Volumen der faulen Kredite rasant an.

Geldpolitik wichtiger als Methodenstreit

Auf welchen Lösungsansatz sich Rom und die EU am Ende auch einigen mögen – solange das italienische Nominalwachstum so deutlich unterhalb des ohnehin schon bescheidenen «normalen» Trend bleibt, wird das zugrundeliegende Problem nicht gelöst. Da bringt es auch nichts an der tiefen Produktivität, am wenig flexiblen Arbeitsmarkt oder an anderen Strukturproblemen zu arbeiten, denn das Problem liegt in der für Italien zu strengen und daher deflationären Geldpolitik und kann nur mit geldpolitischen Mitteln gelöst werden.

Erste Anzeichen dafür, dass die Lösung funktioniert, zeigen sich seit Lancierung des quantitativen Lockerungsprogramms der EZB im Januar 2015. Die Situation hat sich etwas entspannt: Italiens NBIP wächst seitdem wieder pro Quartal im Schnitt um 0.65 Prozent gegenüber dem jeweiligen Vorquartal, nachdem es zwischen dem dritten Quartal 2008 und dem vierten Quartal 2015 im Schnitt um 0.16 Prozent pro Quartal schrumpfte. Das aktuelle Expansionstempo wird jedoch nicht ausreichen, um das Problem der faulen Krediten wirklich zu entschärfen. Dazu ist die Lücke zwischen dem aktuellen NBIP-Stand und alten NBIP-Trend zu gross.

Italien: NBIP-Trend vor und nach 2008

160721Blog_ItalienNBIP_Trend

Kurz: Selbst wenn die Italiener sich gänzlich den strengen «Bail-in»-Vorstellungen der (vermeintlichen) EU-Hardliner fügen sollten, wird uns das «italienische Problem» leider erhalten bleiben. Strukturreformen wirken zudem nur langfristig auf das Realwachstum und tragen somit kaum etwas zur Bekämpfung der akuten Deflationskräfte bei. Auch wenn es vielen im Norden Europas nicht gefällt: Ohne zusätzliche Lockerungsmassnahmen der EZB – und zwar solchen, die verstärkt auf den Bedürfnissen Italiens zugeschnitten sind – wird es nicht gehen. Tatsächlich scheint die EZB nach dem Brexit-Referendum bereit zu sein, stillschweigend ihre Politik entsprechend anzupassen. Die einzige andere Alternative wäre der Austritt Italiens aus dem Euro – und diese ist derzeit politisch noch unerwünschter.

Lars Christensen: The Italien bank crisis – the one graph version

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 22. Juli 2016 | Die Börsenblogger
  2. Pingback: Artikel über Wirtschaft und Devisen 24. Juli | Pipsologie

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.