Japans erneuter Urnengang: Wird er die Märkte bewegen?

Japans erneuter Urnengang: Wird er die Märkte bewegen? 

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An marktrelevanten politischen Ereignissen mangelt es derzeit nicht: Im Juni schockierten die Briten mit ihrem Votum für den Austritt aus der Europäischen Union, seitdem dominiert der schrille Lärm des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs und im Dezember steht in Italien ein Referendum über die Verfassung an, das für die Eurozone folgenreich sein könnte. Seit neuestem wissen wir auch, dass es in Japan im Januar zu vorzeitigen Unterhauswahlen kommen könnte. Angesichts der jüngsten Diskussionen um Negativzinsen und Helikoptergeld könnte dieser Urnengang in naher Zukunft die Aufmerksamkeit der Finanzmärkte auf sich ziehen.

Abes strategische Chance

Doch zunächst zu den Fakten: Erst kürzlich, am 10. Juli 2016, fanden in Japan Oberhauswahlen statt. Die Regierungskoalition des Premierministers Shinzo Abe ging daraus deutlich gestärkt hervor. Das Unterhaus wurde letztmals im Dezember 2014 gewählt. Auch hier trugen die Koalitionsparteien eine robuste Zweidrittelmehrheit davon. Warum sollte Abe angesichts dieser Erfolge vorgezogene Wahlen ausrufen?

Dafür gibt es strategische Gründe: Diesen Sonntag werden zwei Oberhaussitze nachbesetzt. Der erste Sitz wurde vakant, weil dessen Inhaberin, die ehemalige Verteidigungsministerin Yuriko Koike, im August überraschend zur Gouverneurin von Tokio gewählt wurde. Der Inhaber des zweiten Sitzes ist im Juni verstorben. Schneiden in beiden Fällen die Kandidaten der Liberaldemokratischen Partei (LDP), bei der Abe Vorsitzender ist, gut ab, ergibt sich für ihn eine strategische Chance.

In Japan ist der Premierminister traditionell auch LDP-Parteichef. Die LDP-Präsidentschaft ist auf maximal zwei dreijährige Amtsperioden beschränkt. Damit ist auch die Amtsperiode des Premierministers de facto auf sechs Jahre beschränkt. 2018 müsste Abe abtreten. Wird Abe also durch die Wahlen am Sonntag erneut gestärkt und gelingt ihm anschliessend ein frühzeitiger Unterhauswahlsieg, dann wäre der Weg zur Aufhebung dieser Regel am LDP-Parteitag im März 2017 gebahnt. Abe könnte seine Position bis mindestens 2021 festigen.

Genug Zeit, um die «Abenomics» zu verwirklichen

Der frühzeitige Urnengang dürfte für den Erfolg des als «Abenomics» bekannt gewordenen Reform- und Reflationskurses von grosser Bedeutung sein: Angesichts der umfassenden Natur der notwendigen Veränderungen muss Japan nämlich lange genug Kurs halten. Bereits in der Vergangenheit scheiterten meiner Einschätzung nach Reformversuche wegen dieser relativ kurzlebigen Amtsdauer der japanischen Regierungschefs. Ein Beispiel dafür ist Japans erster Reflationsversuch aus den Jahren 2001 bis 2006 unter Premier Junichiro Koizumi. Das damalige quantitative Lockerungsprogramm wurde wenige Monate vor dem offiziellen Rücktritt Koizumis «abrupt gestoppt» und anschliessend zurückgefahren. Mit dem absehbaren Ausstieg kam auch das begleitende Reformprogramm sehr schnell vollständig zum Erliegen – und dies, obwohl Koizumi keine einzige Wahl verloren hatte und es keinen ähnlich populären und geeigneten Nachfolger gab. Abe selbst weiss das am besten. Er war Koizumis Nachfolger und musste bereits nach einem Jahr das Handtuch werfen. Die Parteiregel, hinter welcher sich diverse rivalisierende Fraktionen verstecken, hatten einen verfassungsmässig und realpolitisch unnötigen Rücktritt eines beliebten Premiers erzwungen – und Japan zurück in die Stagnation geführt.

Erste Anzeichen für positive Marktreaktionen?

Es bleibt abzuwarten, wie die Märkte die vorzeitigen Unterhauswahlen aufnehmen. Ein Argument für eine kritische Aufnahme wäre, dass in Japan zu oft gewählt und wenig effektiv gehandelt wird. Unter dem Strich scheint der Markt aber eine langfristige politische Festigung Abes durchaus willkommen zu heissen.

So hat das diesjährige internationale Börsenschlusslicht «Japan» seit den Oberhauswahlen vom 10. Juli an Dynamik gewonnen. Relativ zum Weltindex markierte Tokio nämlich unmittelbar vor der Wahl ein Tief. Seitdem hat der Nikkei rund 12,5 Prozent zugelegt, während der europäische Stoxx 600 um 8 Prozent und der amerikanische S&P 500 um nur 0.5% angestiegen sind. Auch der Yen zeigt sich etwas schwächer und notiert derzeit bei 104 pro US-Dollar, gegenüber rund 100 am letzten Handelstag vor dem kommenden Wahlsonntag. Dies ist positiv zu bewerten: Ein starker Yen gilt als Ausdruck einer deflationären Risikoaversion. Ein schwacher Yen indiziert hingegen eine aufgehellte, risikofreundlichere Stimmung.

MSCI Japan vs. MSCI World AC

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