Japans seltsame Rezession

Japans seltsame Rezession 

Unter den Kritikern und Gegnern von «Abenomics» herrscht Schadensfreude. Nach jüngsten offiziellen Angaben ist Japan nämlich wieder in eine Rezession geschlittert. Premierminister Shinzo Abe trat daher prompt die «Flucht nach vorn» an, verschob den zweiten Schritt einer umstrittenen Umsatzsteuererhöhung und stellte gleich die ultimative Vertrauensfrage: Er rief für den 14. Dezember vorgezogene Neuwahlen aus. Wahrscheinlich ist, dass Abe die Wahlen gewinnen wird. Die ausgewiesene Rezession könnte sich zudem bald schon als eine statistische Illusion erweisen. Abgesehen von temporären Gegenbewegungen dürften Yen-Schwäche und Nippon-Börsenboom also anhalten.

Ein nordenglischer Politiker soll angesichts der glitzernden Lichter und des geschäftigen Wohlstands Tokios vor einiger Zeit seinen Eindruck von dem Land, das sich seit Jahrzehnten in der wirtschaftlichen Stagnation befindet, wie folgt kommentiert haben: «Wenn das eine Rezession ist, dann will ich auch eine haben».

Gewiss, dieser Kommentar dürfte primär philosophischer Natur gewesen sein. Schon seit Jahren diskutieren Ökonomen über Sinn und Unsinn herkömmlicher volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen. Die aktuelle Rezession kann jedoch auch anhand handfester Argumente relativiert werden.

Was ist überhaupt geschehen?

Zunächst eine Rekapitulation. Im zweiten Quartal 2014 brach Nippons Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorquartal um 1.9% ein. Schuld daran war aber bei genauerem Hinsehen nicht Abenomics per se, sondern die lange vor Abes Amtsantritt zwischen der damaligen Regierung, Opposition und Finanzministerium mühsam ausgehandelte zweistufige Umsatzsteuererhöhung. Der erste Schritt wurde am April 2014 mit der Erhöhung des Steuersatzes von 5% auf 8% getan. Der zweite Schritt, von 8% auf 10%, war ursprünglich für Oktober 2015 vorgesehen, wurde aber jetzt um 18 Monate verschoben.

Diese erste Steuererhöhung hatte im Vorfeld vorgezogenen Konsum ausgelöst und die Konjunktur zunächst belebt. Danach brach der Konsum erwartungsgemäss ein. Die meisten Ökonomen hatten allerdings erwartet, dass sich das BIP bereits im dritten Quartal wieder erholen würde. Stattdessen ging es im Q3 jedoch erneut zurück, um 0.4% gegenüber Vorquartal. Es folgte ein Analysten-Katzenjammer, dramatische Schlagzeilen («Japan ist der große Unruhestifter der Finanzwelt», schriebt z.B. Die Welt) und hektisches politisches Theater in Tokio.

Doch schauen wir uns mal den Stein des Anstosses genauer an – mal ganz abgesehen davon, dass es sich bei den bisher vorliegenden Q3-BIP-Daten um eine vorläufige Schätzung handelt und wir schon allein deswegen nichts überstürzen sollten.

1. Entgegen des medial weltweit verbreiteten Eindrucks wurde der Rückgang des BIP im Q3 nicht vom privaten Konsum verursacht – dieser ist nämlich gestiegen, um immerhin 0.4%. Schuld am Einbruch war primär der Rückgang der Lagerbestände. Und ob das wirklich etwas über die allgemeine Konjunktur aussagt, darf bezweifelt werden. Die Lagerbestände sinken nämlich seit 2009 in jedem Quartal, egal ob die Wirtschaft allgemein wächst oder schrumpft. Stetig gestiegen sind sie zuletzt übrigens in sieben von acht Quartalen der Jahre 2007 und 2008, also während der globalen Finanzkrise, welche auch in Japan eine tiefe Rezession herbeiführte.

2. Die Reallöhne sind im Q3 erstmals seit Beginn von Abenomics deutlich gestiegen, nämlich um 0.7%. Das war während Abenomics bisher nur einmal der Fall, nämlich im Q1, allerdings nur um 0.2%. Wir hatten also ausgerechnet im Q3 endlich einmal einen halbwegs ordentlichen realen Lohnanstieg, nachdem sich das nominale Lohnwachstum zuletzt recht eindrücklich beschleunigt hat (vgl. Grafik 1). Dies ist einerseits untypisch für eine Rezession. Anderseits könnte diese Entwicklung sogar einen lehrbuchmässigen Erfolgsausweis für Abenomics repräsentieren: Zuerst steigen die Inflationserwartungen, dann folgen auch die Löhne.

Japan Compensation of EmployeeQuelle: LGT CP, Bloomberg

 3. Die Arbeitslosenrate befindet sich weiterhin auf einem historischen Rekordtief. Seit Anfang Jahr schwankt sie zwischen 3.5% und 3.8% und betrug im September nur 3.6%. Nun ist es auch im demographisch schrumpfenden Japan so, dass die Arbeitslosigkeit vor und während grösserer Rezessionen steigt. Es gibt auch in Japan inzwischen ein Heer von Leih- und Kurzzeitarbeitern, die sehr schnell auf die Strasse gesetzt werden können. Das war während der Rezessionen von 2008/2009 und 2001/2002 der Fall, wie aus nachfolgender Grafik (Grafik 2) ersichtlich ist. Wenn Japan zwischen April und September tatsächlich in einer Rezession war, dann dürfte sie doch sehr seicht gewesen sein.

Japan Unemployment Rate SAQuelle: LGT CP, Bloomberg, die rötlich markierten Bereiche zeigen typische Rezesseionen

4. Die Unternehmensgewinne wachsen seit gut zwei Jahren deutlich stärker als in den anderen Volkswirtschaften und der Nikkei 225 hat erst kürzlich ein neues zyklisches Hoch erklommen. Ausgerechnet seit der der Zeit um das Inkrafttreten der ersten Steuererhöhung läuft der japanische Aktienmarkt zudem sogar besser der amerikanische, welcher seit Jahren zu den stärksten Indizes zählt (siehe Grafik 3). Die jüngsten «schlechten» Wirtschaftsdaten hat die japanische Börse also bisher nur mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen – auch dieses Sentiment wirkt nicht gerade wie ein Auswuchs einer schwachen Konjunkturlage.

MSCI Stock Markets IndicesQuelle LGT CP, Bloomberg

5. Auf allgemeiner Ebene hängt die schwache Performance des Realwachstums seit April 2014 mit dem enorm starken Anstiegs des sogenannten BIP-Deflators (Grafik 4) zusammen. Dieser Index ist ein breites Inflationsbarometer, welches neben den Konsumentenpreisen auch die Preise für Investitionsgüter berücksichtigt. Dieser Index wird verwendet, dieser Index wird erstellt, um das reale Wirtschaftswachstum zu berechnen. Die jährliche Veränderungsrate des BIP-Deflators war in den letzten 20 Jahren in Japan natürlich fast immer negativ, hat sich allerdings vom historischen Tief bei -2.5% vor fünf Jahren auf inzwischen etwa +2% erholt (siehe nächstfolgende Grafik 4). Das drückt natürlich das Realwachstum, ist aber kurzfristig durchaus im Sinne des Erfinders. Das erklärte Ziel von Abenomics ist schliesslich die Erreichung einer langfristig stabilen Inflationsrate von etwa 2%. In der Praxis bedeutet das, dass die Wirtschaftspolitik zunächst auf die Erhöhung des Nominalwachstums ausgerichtet sein muss. Das Realwachstum zieht im Erfolgsfall erst später nach, nämlich sobald der deflationäre Grundzustand nachhaltig überwunden ist. Letztere sind wiederum Aufgabe der Regierung bzw. des Parlaments. Für die aktuelle Situation gilt jedenfalls: Abenomics hat mit dem Schüren der Inflation ein wichtiges Etappenziel erreicht. Von einem allgemeinen Scheitern kann daher (noch) nicht die Rede sein.

Japan GDP Deflators QuarterlyQuelle: LGT CP, Bloomberg

Vorsicht vor vorschnellen Urteilen

Können wir wirklich von einer Rezession sprechen, wenn Reallöhne und Privatkonsum steigen und die Börse boomt? Können wir von einem Scheitern von Abenomics sprechen, wenn die erklärten Zwischenziele ebendieser Politik offensichtlich in greifbare Nähe rücken? Wohl kaum. Wir sollten diese statistische Rezession, von der in den internationalen Wirtschaftsmedien in den letzten Tagen so oft die Rede war, jedenfalls mit einer gewissen Skepsis betrachten und uns vor vorschnellen Urteilen hüten.

Alles-oder-nichts-Prinzip

Klar ist hingegen, dass Shinzo Abe politisch auf das Alles-oder-nichts-Prinzip setzt. Er hat möglicherweise ein gutes Gespür dafür entwickelt, wie er aus wirtschaftlichen Schein-Niederlagen politisches Kapital schlagen kann – um die Gegner seines reflationären Kurses innerhalb der eigenen Partei und der mächtigen Ministerialbürokratie weiter ins Abseits stellen zu können. Riskant ist sein Vorgehen durchaus, denn auch das japanische Wählerverhalten kann überraschen. Sollte sein Kalkül aber aufgehen, was durchaus wahrscheinlich ist, dann dürfte der Yen (intern und extern) weiter abwerten und die japanische Börsenhausse anhalten.

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 27. November 2014 | Die Börsenblogger

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