Jeder ein Milliardär

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1700 Prozent Inflation werde Venezuela im Jahr 2017 haben, prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF). Die Geschichte der Hyperinflation wiederholt sich.

50 Millionen Mark zu besitzen war 1923 an der Tagesordnung. Darüber freute sich niemand. Denn wer am Montag für hunderttausend Mark ein Brot kaufen konnte, wusste nicht, ob er am Dienstag für den gleichen Preis noch eine Semmel bekommen würde. Die deutsche Inflation von 1914 bis 1923 war eine der radikalsten Geldentwertungen, die eine grosse Industrienation je erlebt hat.

Ihre Vorgeschichte findet sich in der Finanzierung des Ersten Weltkriegs durch Anleihen. Zudem verfünffachte die deutsche Regierung die umlaufende Papiergeldmenge innerhalb von vier Jahren. Mit dem Ende des Krieges 1918 hatte die Mark bereits offiziell mehr als die Hälfte ihrer Kaufkraft verloren. Für die Reparationszahlungen verschuldete sich die deutsche Regierung weiter. Dadurch setzte Ende des Jahres 1922 die Hyperinflation ein – mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von monatlich 322 Prozent. Im November 1923 liess die Reichsbank den Geldschein mit dem höchsten Wert drucken: 100 Billionen Mark.

Zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs wurden riesige Mengen an Scheinen benötigt. Bis zu 133 Fremdfirmen mit 1. 783 Druckmaschinen arbeiteten im Herbst 1923 für die Reichsdruckerei Tag und Nacht. Das dafür erforderliche Banknotenpapier wurde von 30 Papierfabriken produziert. Für den Druck stellten 29 galvanoplastische Werkstätten rund 400 000 Druckplatten her.

Geldscheine zu einer Mark: billiger als Tapeten, 1923

Geldscheine zu einer Mark:
billiger als Tapeten, 1923

Trotzdem reichten die verfügbaren Zahlungsmittel nicht aus, die Druckmaschinen konnten den schwindelerregenden Wertverlust während der Hyperinflation einfach nicht mehr durch vermehrten Notendruck ausgleichen. Deshalb wurden von mehr als 5.800 Städten, Gemeinden und Firmen eigene Notgeldscheine herausgegeben. Die Bevölkerung nahm alles als Zahlungsmittel an, was wie Geld aussah oder irgendwie „wertbeständig“ wirkte. Insgesamt wurden über 700 Trillionen Mark als Notgeld und rund 524 Trillionen Mark von der Reichsbank verausgabt.

Mit fortschreitender Inflation hatte sich die Versorgungslage der Bevölkerung laufend verschlechtert. Dem Anstieg der Preise für Waren und Dienstleistungen konnten die Löhne und Gehälter nicht folgen. Der Reallohn sank auf rund 40 Prozent seines Vorkriegsniveaus, weite Teile der deutschen Bevölkerung verarmten. Vermögenswerte schmolzen dahin, Ersparnisse wurden völlig entwertet, über Generationen angehäufte Spargelder vernichtet. Feste Erträge oder Zinsen waren praktisch wertlos. Durch Mangel an Kaufkraft verloren auch Immobilien ihren Wert und wurden bei Notveräußerungen geradezu verschleudert. Das chaotische Geldwesen hatte einen geregelten Wirtschaftsbetrieb unmöglich gemacht. Oft erfolgten die Lohnzahlungen täglich. Jedermann versuchte, Bargeld schnellstmöglich in Sachwerte einzutauschen. Ladenöffnungszeiten richteten sich nach den Bekanntgabeterminen für aktuelle Wechselkurse. In Restaurants konnte sich die Zeche während der Mahlzeit verdoppeln. Pfarrer hielten den Kirchgängern für die Kollekte nach den Gottesdiensten einen Wäschekorb hin.

In Deutschland endet die Hyperinflation wie viele andere auch: mit einer Währungsreform. In Venezuela kündigte man im vergangenen Dezember erst grössere Banknoten bis zu 20 000 Bolivar an – um kurz darauf den bis dahin grössten Geldschein, die 100-Bolivar-Note, gewissermassen über Nacht abzuschaffen. Dabei war es damit schon schwierig, eine Restaurantrechnung mit Bargeld zu bezahlten. Denn um eine „grössere“ Rechnung von rund 50 Franken zu begleichen, muss man über 3000 50er-Scheine mitschleppen – die mehr als zehn Kilo auf die Waage bringen.

Mit einem Vorwärtssalto wurden Mitte Januar – mit einmonatiger Verspätung – doch noch neue Scheine eingeführt. Ob der höchste Nennwert von 20 000 Bolivar reicht? Verglichen mit den Zahlen auf den Geldscheinen der Weimarer Republik ist ein Nennwert von 20 000 nichts. Und im laufenden Jahr wird die Inflationsrate in Venezuela, die 2016 bereits bei über 600 Prozent lag, noch deutlich steigen – auf 1700 Prozent, wie der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert.

Bilder:

  • Strassensänger: By The Photographer (Own work) CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
  • Geldscheine zu einer Mark: Bundesarchiv, Bild 102-00104 / Pahl, Georg / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 8. Februar 2017 | Die Börsenblogger
  2. Pingback: Artikel über Wirtschaft und Devisen 12. Feb 17 | Pipsologie

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