Jugendliche Weltwirtschaft: Schwellenländer 

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Die so genannten Schwellenländer werden mal mit Sorge, mal mit Euphorie von der internationalen Finanzwelt beobachtet und kommentiert. Sie liefern Stoff für beides.

Staaten wie Brasilien, Indien oder die Türkei haben die typischen Strukturmerkmale eines Entwicklungslandes hinter sich gelassen und entwickeln mehr und mehr Charakteristika einer Industrienation. Sie haben Wirtschaftszweige jenseits der Landwirtschaft aufgebaut, ihr Dienstleistungssektor gewinnt an Bedeutung, Industriebetriebe entstehen und zumindest in der städtischen Gesellschaft profitiert eine wachsende Mittelschicht vom wirtschaftlichen Aufschwung. Die vergleichsweise junge Bevölkerung konsumiert freudig. An ihrem Hunger nach hochwertigen Produkten verdienen die Staaten der entwickelten Welt kräftig mit.

Schwellenländer durchlaufen nicht nur demografisch Freud und Leid der Jugend. Sie strotzen vor jugendlicher Energie, doch ihre Wirtschaft lässt die Stabilität und Kalkulierbarkeit der «erwachsenen Industrienationen» vermissen. Für die Weltwirtschaft sind Schwellenländer ein Jungbrunnen. Während sich die arrivierten Industrienationen schon über ein Wachstum hinter dem Komma freuen, erreichen die jungen, hungrigen Staaten an der Schwelle mitunter Wachstumsraten im zweistelligen Bereich. Ihr Potenzial beflügelt die Weltwirtschaft genauso wie die Fantasie der Anleger. Es macht sie stark und verwundbar zugleich, denn es zieht einerseits Investitionen an, schafft aber andererseits immer grössere Abhängigkeiten zu Kapitalgebern. Wirtschaft, Währung und Börsenkurse der aufstrebenden Jugend der Weltwirtschaft sind deshalb grossen Schwankungen unterworfen. Hinter den Traumquoten beim Wachstum verbergen sich also auch hohe Chancen und Risiken. Die pubertierenden Börsenkurse und eruptiven Marktentwicklungen der Schwellenländer sorgen für reichlich Nervosität in der alten Welt der vergleichsweise trägen und gesättigten Nationen und befeuern die Debatte um zukünftige Entwicklungen.

Die einen sehen in Schwellenländern die zukünftigen Wachstumslokomotiven der Weltwirtschaft, die anderen risikoreiche Investitionsstandorte, deren Abhängigkeit von Kapitalflüssen geradewegs in die nächste Finanzkrise führen könnte. Die Realität dürfte wie so oft zwischen diesen beiden Extremen liegen – auf der Schwelle so zu sagen.

Leselinks:
Der Blog NevermindtheMarkets beschäftigt sich mit der Währungen der Schwellenländer: Und wieder droht der «Sudden Stop» (28.08.2013)

Der Blog Wirtschaftswurm setzt sich mit Missverständnissen zu den BRIC-Staaten auseinander (05.09.2013)

Unser Autor Michael Hillbrink liefert ein differenziertes Bild zur Anlagestory der Schwellenländer und den Auswirkungen der Zentralbankpolitik: Schwellenländeranleihen: Opfer von Terminator Ben? (05.09.2013)

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  1. Pingback: Quantitative Easing – ein wirtschaftspolitischer Lernprozess « LGT Finanzblog

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