Kann eine öffentlich-private Partnerschaft das Bildungssystem in Liberia retten?

Kann eine öffentlich-private Partnerschaft das Bildungssystem in Liberia retten? 

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Nach dem jahrzehntelangen Bürgerkrieg und der Ebola-Epidemie 2014-15 kollabierte das Liberias Bildungssystem. 2015 gingen 42 Prozent der Kinder nicht zur Schule. Für das westafrikanische Land drohen nun verheerende Folgen. Die Lage spitzt sich mit jedem Tag zu. Die Regierung wagte daher ein innovatives Experiment, um das Rennen gegen die Zeit zu gewinnen: Eine öffentlich-private Partnerschaft.

Die Zahlen sind bestürzend: 66 Prozent der 15- bis 24-jährigen Frauen in ländlichen Gebieten von Liberia sind Analphabeten; nur 20 Prozent der Primarschulabsolventen schliessen auch die Sekundarschule ab und die Schuleinschreibungsraten lagen 2015 landesweit lediglich bei 38 Prozent. In Liberia hat ein Mädchen bis zum 18. Lebensjahr mit höherer Wahrscheinlichkeit geheiratet, als lesen gelernt. Die Konsequenzen einer solchen Bildungskrise sind schwer vorstellbar und lassen kaum auf ökonomische Entwicklung und den Rückgang der extremen Armut im Land hoffen. Manche Experten sprechen schon von einer verlorenen Generation.

Kooperativer Ansatz für mehr Zukunftsperspektive

Ex-Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf und der damalige Bildungsminister George Werner sahen im zügigen Aufbau eines funktionierenden Bildungssystems eine zentrale Aufgabe und Investition in die Zukunft Liberias. Gleichzeitig waren sie sich des Zeitdrucks und der knappen Ressourcen für diese Herausforderung bewusst. Vor diesem Hintergrund entwickelten sie in einer öffentlich-privaten Partnerschaft mit etablierten privaten Schulbetreibern das „Partnership Schools for Liberia“ (PSL)-Programm. In diesem auf drei Jahre ausgelegten Pilotprogramm dürfen die privaten Schulbetreiber landesweit in einigen ausgewählten staatlichen Schulen ihre bewährten Lehr- und Führungsmodelle öffentlich und für alle zugänglich umsetzen. Dadurch soll qualitativ hochwertige Bildung im Einklang mit nationalen Standards und Curricula gewährleistet werden. Für die Schüler in diesen privat geführten öffentlichen Schulen bleibt der Unterricht gratis.

Die Finanzierung des Piloten wird teils von der Regierung, teils von privaten Akteuren wie LGT Venture Philanthropy übernommen. Ausgehend von den Resultaten des Programms wird über das weitere Vorgehen entschieden: Es soll getestet werden, welches die effektivsten Massnahmen und Strategien sind, um das Bildungssystem Liberias innerhalb kürzester Zeit auf ein gutes Niveau zu bringen. Einerseits bildet PSL Kapazitäten direkt im Bildungsministerium; andererseits sollen die Erkenntnisse, die durch PSL gewonnen werden, letztlich als Vorlage zur Verbesserung des gesamten nationalen Bildungssystems dienen. Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, dazu ihre Bildungsausgaben für öffentliche Schulen in den nächsten Jahren zu verdoppeln.

Kritische Stimmen

Initiativen von privaten Unternehmen sowie öffentlich-private Partnerschaften im Bildungsbereich treffen für gewöhnlich auf viele kritische Stimmen von Verfechtern klassischer öffentlicher Bildung. Es wird befürchtet, dass private Akteure das Recht auf Bildung untergraben und das Ideal eines universell zugänglichen, funktionierenden, öffentlichen, kostenfreien Bildungssystems in weite Ferne rücken könnten. Insbesondere in Entwicklungsländern müssen for-profit Unternehmen oftmals mit Kritik rechnen. Ihnen wird vorgeworfen, auf dem Rücken benachteiligter Menschen Profit machen zu wollen. Auch PSL ist vor diesem Hintergrund Gegenstand vieler kritischer Analysen (zum Beispiel von Unite for Quality Education oder Education International). PSL jedoch nimmt vielen Skeptikern den Wind aus den Segeln, indem es das Programm von unabhängigen Experten beurteilen lässt und diese Resultate objektiv darlegt und Herausforderungen offen thematisiert.

Resultate überzeugen – auch die neue Regierung

Von zentraler Bedeutung bleibt die Frage nach der Effektivität des PSL-Piloten. Die Zahlen des ersten unabhängigen Expertenberichts deuten dabei auf Erfolg hin: Im Vergleich mit regulären öffentlichen Schulen lernten die Schüler in den PSL-Schulen 60 Prozent mehr. Testergebnisse verbesserten sich massgeblich, Schüler und Lehrer zeigten bis zu 20 Prozent bessere Anwesenheitsraten, verfügten über mehr Unterrichtsmaterial und hielten sich besser an den vorgeschriebenen Unterrichtsplan. Bildungsminister Werner sah den Erfolg von PSL durch den ersten Bericht bestätigt, wie er auf der Entwicklungsplattform Devex schrieb.

Im Herbst 2017 folgte eine Feuerprobe: Liberia hielt Wahlen ab und es kam zu einem Regierungswechsel. Doch auch die neue Regierung führt das PSL-Programm weiter und Kapazitäten im Ministerium bleiben bestehen. Dies kann ebenfalls als Erfolg gedeutet werden. Ist Liberia mit seinem innovativen Vorstoss also vielleicht doch dabei zu demonstrieren, wie Länder, die sich von Konflikt und Krisen erholen, möglichst rasch wieder auf die Beine kommen können? Auf die abschliessenden Resultate des PSL-Programms muss noch gewartet werden, aber erste Anzeichen geben Grund für Optimismus.

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