Klima, Wasser und die Risikoblindheit vieler Investoren

Klima, Wasser und die Risikoblindheit vieler Investoren 

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Die globale Wasserkrise könnte sich zu einer ökologischen, ökonomischen und sozialen Katastrophe entwickeln, warnt der WWF. Die gefährlichsten Risiken für die Weltwirtschaft sind jene, die die Risikoanalysten nicht oder nur unzureichend auf dem Radar ihrer Bewertung haben.

Der Global Risks Report 2015 des World Economic Forum sieht die Eintrittswahrscheinlichkeit einer globalen Wasserkrise zwar «nur» auf Platz 8 der 10 grössten Risiken der Welt. Aber bei der Wirkungsbetrachtung liegt die Wasserkrise auf Platz eins. Die rund 900 befragten Meinungsträger schätzen, dass im nächsten Jahrzehnt Wasser und Klimawandel das Wirtschaftswachstum und dessen Entwicklung am stärksten beeinflussen werden.

Auch die UNO appelliert an die Weltgemeinschaft: so haben 2015 immer noch mehr als 780 Millionen Menschen keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser und mehr als 2.6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen (Sanitation). Ende September 2015 hat die UNO die Agenda 2030 verabschiedet, die die Sustainable Development Goals mit 17 Zielen beinhaltet. Insbesondere beim Ziel 6 «Nachhaltigen Zugang zu Wasser und Sanitation für alle sicherstellen» ist auch der Privatsektor gefragt. Unilever hat bereits angekündigt, entsprechende Massnahmen ergreifen zu wollen. Weitere Unternehmen sollten dem Beispiel folgen.

Der CDP «Global Water Report 2015» zeigt auf, dass sich heute bereits viele Firmen mit der Ressource Wasser beschäftigen, dass aber noch viel zu tun bleibt und die strategische Wichtigkeit meistens nicht erkannt wird.

Die Wasserkrise ist längst Wirklichkeit…

Welchen negativen Einfluss die Wasserkrise nicht nur auf die lokale Gesellschaft, sondern auch auf Umsatz und Gewinn ausüben, erfährt derzeit Unilever in Südamerika: Brasilien wird von einer Jahrhundertdürre heimgesucht. Betroffen von der Wasserkrise sind mehr als 77 Millionen Menschen in den Regionen São Paulo und Rio de Janeiro. Die zwei wichtigen Wasserreservoirs für die beiden Metropolen waren per Mitte März 2015 zu nur noch 14 beziehungsweise 21 Prozent gefüllt, weshalb die Regierung beschlossen hat, die Wasserversorgung zu rationieren und den Wasserpreis zu erhöhen: gegen beides gibt es Proteste der Bevölkerung. Und … Unilever bricht dadurch der Umsatz mit Wasch- und Duschmitteln ein.

Die Erkenntnis, dass Firmen nicht nur eine direkte Verantwortung für einen sparsamen Umgang mit Wasser haben, sondern auch eine indirekte über ihre Lieferkette, beginnt sich langsam durchzusetzen. Mittlerweile identifizieren viele Firmen wasser-relevante Risiken auch in der Lieferkette und ergreifen entsprechende Massnahmen. So haben beispielsweise Nestlé und Dell ihre Lieferanten verpflichtet, kontinuierlich aufzuzeigen, wie sie ihre Umweltbilanz verbessern; bei wiederholter Verfehlung wird die Zusammenarbeit beendet.

… aber noch nicht im Bewusstsein vieler Investoren

Die Trockenheit in Brasilien ist nur ein Beispiel für die drastischen wirtschaftlichen Risiken durch die fortschreitende Klimaveränderung. Sie geht auf die Abholzung des Regenwaldes im Amazonasgebiet und die Ausweitung der Agrarflächen zurück. Schuld an der Wasserkrise sind neben dem exzessiven privaten Wasserverbrauch undichte Leitungen und in besonderem Masse die industrialisierte Landwirtschaft, welche rund 70 Prozent des Trinkwassers verbraucht.

Brasilien ist nicht das einzige Land mit einem Wasserproblem: In China sind rund zwei Drittel des Grundwassers und ein Drittel des Oberflächenwassers so stark verschmutzt, dass es weder als Trinkwasser noch zur Bewässerung der Felder eingesetzt werden kann. Auch Kalifornien, die achtgrösste Wirtschaft der Welt, befindet sich im vierten Jahr einer Dürre. Dies sollte nicht nur uns als Privatpersonen, sondern insbesondere den Investoren zu denken geben. Gemäss der Aussage des WWF wird sich diese Situation in Zukunft noch weiter zuspitzen und kann vom Problem einzelner Regionen zum globalen Risiko werden.

Wasserkrisen und das Versagen, den Klimawandel zumindest abzubremsen, werden im Global Risk Report 2015 als sehr wahrscheinlich und mit grosser Auswirkung auf die Menschen eingestuft. Das World Economic Forum geht davon aus, dass bis 2030 der globale Wasserbedarf rund 40 Prozent über dem global nachhaltig vorhandenen Wasser liegen wird. Die Internationale Energie Agentur prophezeit, dass die Energiebranche den Wasserkonsum bis 2035 um 85 Prozent steigern muss, um den Energiebedarf der wachsenden Weltbevölkerung decken zu können. Ebenfalls werden Überfischung, Abholzung und die Zerstörung von sensitiven Ökosystemen wie Korallenriffen zunehmend eine negative Auswirkung auf Nahrungs- und Wassersysteme haben.

Wir müssen davon ausgehen, dass die Frequenz und das Ausmass von Dürren und Überflutungen in Zukunft noch weiter steigen werden. Dies hat wiederum einen negativen Einfluss auf Wirtschaftswachstum und Wirtschaftsentwicklung.

Investoren sollten also neben CO2-Emissionen unbedingt auch Wasser als kritischen Faktor in die Bewertung eines Unternehmens aufnehmen und über ihre Investitionen Druck auf Unternehmen ausüben, Massnahmen zu einem sorgsamen Umgang mit der Ressource Wasser zu ergreifen.

Es gibt 7 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 5. November 2015 | Die Börsenblogger
  2. Peter Romanowski at 00:42

    Dass sauberes Wasser ein Engpassfaktor wird, haben wir in unseren Investitionskriterien berücksichtigt. So wird Wasserimport aus kritischen Regionen vermieden und der Wasserverbrauch neben der CO2 Reduzierung sowie der Abfallreduzierung dokumentiert und unseren Investoren gegenüber berichtet.
    Wasser ist aber selbst in Mitteleuropa aufgrund hoher Nitratbelastungen im Grundwasser wegen Gülle-Überdüngungen ein brisantes Thema geworden.

    • Ursula Finsterwald
      Ursula Finsterwald at 09:59

      Lieber Herr Romanowski
      Besten Dank für Ihren Kommentar. Das ist in der Tat so, dass das Wasser auch in Europa teilweise stark verschmutzt und ungeniessbar ist. Dies wäre sicher auch ein Thema für einen weiteren Blog.

      Freundliche Grüsse
      Ursula Finsterwald

  3. Herbert Pucher at 10:26

    Da Wasser als mehrheitlich als öffentliches Gut betrachtet wird, dass beinahe kostenlos bereitzustellen ist fehlt auch der gewisse Incentive, haushälterisch mit dieser Ressource umzugehen. Was nun der fair market value von Wasser ist sei dahingestellt. Jedoch sollte Wasser wie jede andere Ressource mit einem Preis versehen werden, um damit auch etwaige Umverteilungen in wasserarme Gebiete zu ermöglichen bzw. eben den schonenden Umgang mit Wasser zu gewährleisten.

    • Ursula Finsterwald
      Ursula Finsterwald at 11:05

      Lieber Herbert
      Besten Dank für Deinen Kommentar. Da kann ich Dir nur zustimmen. Leider ist die Ressource Wasser zu günstig zu haben, als dass mit ihr schonend umgegangen würde. Auch wird sie in der Risikobeurteilung zu wenig stark berücksichtigt. Das dürfte sich in Zukunft aber ändern, wenn es in Gebieten, die zuvor nie betroffen waren, zu Dürren oder Überflutungen kommt.

      Beste Grüsse
      Ursula

  4. Svenja Felder at 13:47

    Guten Tag,

    danke für den netten Artikel, sehr gut geschrieben! Ich selber habe Werte die Umwelt-bezogen sind und mus ssagen, dass ich bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht habe. Ein Risiko besteht natürlich, da Natur nicht kontrolliert bar ist.

    Frohes Fest!

    Viele Grüße,
    Svenja

    • Ursula Finsterwald
      Ursula Finsterwald at 12:00

      Liebe Svenja
      Besten Dank für den Kommentar. Es freut mich, dass der Artikel Zuspruch findet. Es freut mich zu lesen, dass Sie bislang gute Erfahren gemacht haben; man sollte seinen Werten treu bleiben. Ich denke, es ist gut, dass sich die Natur von uns Menschen nicht kontrollieren lässt. „Die Natur schlägt auch nicht zurück“, sie ist einfach. Und wir Menschen sind ein Teil davon.

      Viele Grüsse
      Ursula

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