Klimakrise: Die Natur bietet Lösungen, denen es an Finanzierung fehlt

Klimakrise: Die Natur bietet Lösungen, denen es an Finanzierung fehlt 

Während sich zahlreiche Startups und Investoren einen Wettlauf liefern, wer als erster die Wunderwaffe gegen den Klimawandel findet und diese fördert, wird das riesige Potenzial einer existierenden, preiswerten Lösung gerne übersehen: Natürliche Ökosysteme wie Wälder, Gras- und Küstenlandschaften filtern ganz ohne High-Tech jeden Tag unsere Luft.

„Climate emergency“ ist das Wort des Jahres 2019, laut Oxford English Dictionary. Andere nennen 2019 das Jahr, in dem die Welt endlich begann, in Bezug auf den Klimawandel aufzuwachen. So rangieren an der Spitze des 2020 „Global Risk Report“ des World Economic Forums extremes Wetter, Verlust von Biodiversität, Naturkatastrophen, Scheitern von Klimamassnahmen und menschengemachte Naturkatastrophen. Für die Schweizer ist die Erderwärmung laut aktuellstem „European Social Survey“ sogar die grösste wahrgenommene Gefahr. Die Aufgabe, mit der sich die Menschheit konfrontiert sieht, ist gross und man könnte sich gelähmt fühlen: Wie können wir diese Aufgabe in so kurzer Zeit meistern?

Wissenschaftler als Weltretter?

Nach dem Pariser Abkommen – dessen freiwillige Zugeständnisse nicht annähernd ausreichen, um die drohende Klimakatastrophe zu verhindern – ist klar: Die Politik ist wenig willens, harte Massnahmen für das Klima durchzusetzen, selbst wenn der Ruf der Öffentlichkeit nach Taten immer lauter wird. Die Privatwirtschaft wiederum verschmutzt weiterhin ungebremst die Natur und arbeitet gleichzeitig auf Hochtouren daran, den technologischen Durchbruch zu finden, der die Welt retten soll.

2019 veröffentlichten 13 000 Wissenschaftler einen Warnruf, der im gleichen Atemzug Aufschluss über Lösungsansätze gibt. Er nennt sechs Themenbereiche:

  1. Fossile Brennstoffe ersetzen und Energieeffizienz steigern
  2. Ausstoss von kurzlebigen Treibhausgasen reduzieren (Fluorchlorkohlenwasserstoffe, Methan, etc.)
  3. Ökosysteme erhalten und regenerieren
  4. Umstellung auf eine mehr pflanzliche Ernährung
  5. Wirtschaftliche Ausbeutung der Erde unterbinden
  6. Bevölkerungswachstum stabilisieren

Tatsächlich gibt es eine Reihe sehr konstruktiver, wissenschaftlicher Veröffentlichungen zum Thema, die betonen, dass wir bereits wissen, wie man den Klimawandel aufhalten kann. Es handle sich lediglich um eine Frage der Umsetzung. Project Drawdown etwa erstellte eine Liste von 100 existierenden Lösungen in sieben Bereichen, darunter Energie, Ernährung oder Landnutzung. Bücher wie Designing Climate Solutions wiederum wenden sich mit konkreten Strategien an politische Entscheidungsträger. Was dabei auffällt, wird die Suchenden nach der Wunderwaffe enttäuschen: Die Lösungen, welche darauf abzielen CO2 aus der Atmosphäre zu saugen, sind allesamt in der Natur zu finden.

Die Natur hat die beste „Technologie“

Um den Klimawandel zu stoppen, ist Arbeit an zweierlei Fronten gefragt. Auf der einen Seite müssen neue Emissionen radikal reduziert werden; auf der anderen Seite muss bereits bestehendes CO2 aus der Atmosphäre entfernt werden (Englisch „drawdown“). Denn die CO2-Konzentration in der Atmosphäre hat mit 412 parts per million (ppm, Teilchen pro Million) einen gefährlichen Höchststand erreicht. Einige Unternehmen wie die Schweizer Firma Climeworks haben Technologien entwickelt, welche erfolgreich „drawdown“ betreiben. Allerdings sind die Beiträge solcher Methoden bislang überschaubar. Im grossen Rahmen erfolgt „drawdown“ im Alltag durch die Natur: durch Wälder, Graslandschaften, landwirtschaftlich genutztes Land sowie Nassgebiete und Küstenregionen.

Den tatsächlichen Beitrag sowie das Potenzial des Ausbaus dieser „Natural Climate Solutions“ (NCS) erforschte eine Studie unter der Leitung von The Nature Conservancy und kam zu erstaunlichen Ergebnissen: Durch die Bewahrung, den Wiederaufbau sowie ein besseres Management von Ökosystemen können bis 2030 stolze 37% der Emissionsreduktionen erreicht werden, die nötig sind, um den weltweiten Temperaturanstieg unter zwei Grad Celsius zu halten. Dies wäre zusätzlich zu den 25% der jährlich ausgestossenen Treibhausgase, die die Natur bereits jetzt absorbiert. Die Studie schlägt zudem kostengünstige Lösungen vor, welchen keine wirtschaftlichen Hindernisse entgegenstehen. Kosten würde ein solcher Ansatz einer Schätzung zufolge rund USD 300 Milliarden – das Equivalent der weltweiten Militärausgaben alle 60 Tage oder 30 Versprechen wie jenes von Jeff Bezos.

Den Erhalt der Natur finanzieren: geht das auch profitabel?

Würden NCS skaliert, so könnten sie pro Jahr elf Gigatonnen CO2 ausgleichen, d.h. die gesamten jährlichen Emissionen der USA und EU nach letztem Stand. Doch obwohl NCS sowohl günstig als auch effektiv sind, fliessen derzeit nur rund 3% der Gelder, welche für den Klimawandel mobilisiert werden, in diesen Bereich, berichtet The Nature Conservancy. LGT Venture Philanthropy hat NCS vor diesem Hintergrund zu einem strategischen Schwerpunkt gemacht und engagiert sich unter anderem in der Maasai Mara.

Was aber, wenn NCS auch finanziell attraktiv sein könnten? Da gibt es auf der einen Seite Emissionshandel, profitable Märkte rund um Carbon Credits und zahlreiche Programme, mit denen man mittlerweile seinen Flug in die Ferien „offsetten“ kann. Andererseits haben Naturschutz-Grössen wie The Nature Conservancy und Conservation International Initiativen ins Leben gerufen, die den Privatsektor für den Schutz von Ökosystemen mobilisieren sollen: Der Carbon Fund setzt innovative Finanzierungsmechanismen für nachhaltige Landschaften ein, während Naturevest Investmentprodukte strukturiert, welche die Mission von The Nature Conservancy vorantreiben. Interessant wären auch sogenannte „Debt for Nature Swaps“, denen die Idee zugrunde liegt, dass Entwicklungsländern Schulden erlassen werden könnten, wenn sie aktiv ihre Natur schützen.

Der Weltgemeinschaft läuft die Zeit davon. Werden Emissionen nicht umgehend drastisch reduziert, wird nicht nur der Planet zunehmend unbewohnbar, sondern der Wirtschaft stünde Schätzungen zufolge ein Crash bevor, der bedeutend schlimmer sein könnte als die Finanzkrise 2008. Um so ein Szenario zu vermeiden, sollten sämtliche Strategien verfolgt werden – und nicht vergessen werden, dass sich die Natur am besten selbst retten kann.

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