Was bedeutet das Paris Agreement für die Finanzindustrie?

Was bedeutet das Paris Agreement für die Finanzindustrie? 

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Im September 2015 warnte Marc Carney, Gouverneur der Bank of England, in seinem Referat «The Tragedy of the Horizon» bei Lloyds‘ of London die Finanzindustrie vor den wachsenden Risiken, die sich durch den fortschreitenden Klimawandel für Vermögenswerte ergeben. Gleichzeitig fordern immer mehr Experten eine globale CO2-Besteuerung. Aufgrund dieser Entwicklungen müssten Vermögenswerte strukturell neu bewertet werden – doch die wenigsten Akteure preisen eine solche Steuer heute bereits ein. Das Pariser Abkommen skizziert eine Blaupause für den Wandel der Finanzindustrie.

Ein Wendepunkt für die Finanzwirtschaft?

Das Pariser Abkommen beschreibt die notwendigen Klimaschutzziele zur Eindämmung des Klimawandels und definiert den Beitrag der Staaten und Unternehmen. Mit dem Abkommen wird nicht nur die Finanzwirtschaft verpflichtet, diejenigen Finanzströme zu stärken, die zu einer kohlenstoffarmen und klimaneutralen Entwicklung beitragen (Artikel 2.1 (c)). Auch Staaten werden verpflichtet, langfristige, kohlenstoffarme Entwicklungsstrategien und Aktionspläne zu formulieren und umzusetzen (Artikel 4.19 bzw. Artikel 6.8 (b)). Deswegen dürfte sich der Druck auf die Akteure der Finanzwirtschaft in den kommenden Jahren deutlich erhöhen.

Davon geht auch die kanadische Global Risk Initiative aus. Laut ihr sind Versicherungen, Banken und Pensionskassen die verletzlichsten Akteure in Bezug auf den Klimawandel. Und das Sustainability Accounting Standards Board (SASB) hat statistisch belegt, dass 93 Prozent der börsenkotierten Unternehmen in den USA zu einem gewissen Grad von Klimarisiken betroffen sind. Klar ist auch, dass der Finanzwirtschaft als Hüterin der Kapitalströme, eine Schlüsselrolle zukommen wird, um eine klima- und wirtschaftspolitisch ausbalancierte Entwicklung sicherzustellen.

Doch welche Massnahmen sollen oder können Finanzakteure treffen?

Wird Divestment das neue Investment?

Die Dekarbonisierung der Wirtschaft kann nur erreicht werden, wenn Desinvestitionen mit klugen, zukunftsfähigen Investitionen flankiert werden. Hierfür benötigt es neue Produkte und Geschäftsmodelle. Länder wie die Schweiz und Liechtenstein setzen in diesem Fall auf freiwillige Massnahmen. Die Entscheidung, mit welchen Massnahmen die Finanzindustrie zur Dekarbonisierung beiträgt, liegt bei den Akteuren.

Ebenfalls soll die Versicherungsindustrie ihren Beitrag leisten. Zum einen entscheiden ihre Akteure, wie Kapital investiert wird, zum anderen aber auch darüber, welche Branchen oder Industrien zu welchem Preis versichert werden und welches Premium bezahlt werden muss. Für CO2-intensive Branchen dürfte es in Zukunft schwierig sein – wenn überhaupt – bezahlbare Versicherungslösungen zu erhalten. Denn die damit verbundenen Risiken sind einfach zu hoch.

Neben Desinvestitionen skizziert das Pariser Abkommen auch Investitionsziele mit langfristiger Rendite. Gemäss Art. 3 des Abkommens sollen die Klimaschutzmassnahmen der Entwicklungsländer von den Industriestaaten und vor allem von der Finanzindustrie durch gezielte Investitionen unterstützt werden. Impact Investing (bspw. LGT Impact Ventures) und Microfinance (bspw. ResponsAbility) sind solche Ansätze, um beispielsweise Unternehmen im Energiesektor (bspw. M-Kopa) zu unterstützen.

Fazit: Klimapolitisch umgestalten – oder umgestaltet werden

Die Äusserung von Ban Ki-moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen, «es gibt keinen Plan B, weil es keinen Planeten B gibt» könnte auch als Imperativ für Investoren verstanden werden. Das von der Weltgemeinschaft angenommene Ziel, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius zu beschränken, ist eine Überlebensformel, die spätestens seit dem Pariser Abkommen auch für Investoren gilt. Fest steht: Je länger eine klimafreundliche Umstrukturierung hinausgezögert wird, desto höher dürften die Kosten für ihre Implementierung ausfallen – und mit steigendem Druck sinkt der Gestaltungsspielraum der Akteure des Finanzsektors. Hoffen wir, dass der Weckruf des Pariser Abkommens bei der Finanzindustrie angekommen ist.

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Bild: By Presidencia de la República Mexicana CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

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