Nachhaltigkeit vs. COVID-19: Chance oder Gefahr?

Nachhaltigkeit vs. COVID-19: Chance oder Gefahr? 

Wird die Corona-Pandemie dem Kampf gegen den Klimawandel einen Schub verleihen oder ihn von der Agenda drängen? Die Meinungen gehen auseinander, dabei könnten wir aus dieser Krise sehr viel lernen.

Seit geraumer Zeit ist uns klar, dass wir unseren Lebensstil – inklusive Reiseverhalten – anpassen müssen, wenn wir das Ziel des Übereinkommens von Paris zum Klimaschutz erreichen und die Erderwärmung auf 1.5° Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau beschränken wollen. In der Corona-Krise haben wir eindrücklich bewiesen, dass wir dies können – auch wenn es zuvor unmöglich schien. Die Welt steht oder stand für Wochen still. Wie die Erde davon profitiert, konnten wir rasch beobachten: Weniger Treibhausgasemissionen, bessere Luftqualität und geringere Lärmemissionen aufgrund des geringeren Verkehrsaufkommens.

Diese Flexibilität, die wir in Zeiten von Corona zu Tage legen, ist dringend notwendig, damit wir auch zukünftige Herausforderungen wie den Klimawandel meistern können. Wie dringlich sie ist, zeigen die länderspezifischen Earth Overshoot Days: Würden die Bevölkerung weltweit so Leben wie die Schweizerinnen und Schweizer, dann wären die natürlichen Ressourcen, die die Erde uns für ein ganzes Jahr zur Verfügung stellt, seit dem 8. Mai aufgebraucht. In den USA war der Earth Overshoot Day dieses Jahr schon am 14. März.

Corona als Probelauf

Während der Klimawandel vorhersehbar ist, hat uns Corona aus dem Nichts getroffen. Virologen hatten zwar schon länger vor einer Pandemie wie COVID-19 gewarnt. Trotzdem waren weder die Länder noch die Unternehmen darauf vorbereitet. Sie alle wurden vom Virus, das sich aufgrund der global vernetzten Welt von heute rasant ausbreitete, überrascht. Plötzlich kam die Welt zum Stillstand, das öffentliche Leben und die Wirtschaft zum Erliegen. Trotzdem funktionierte das Wichtigste irgendwie weiterhin.

So gesehen kann die COVID-19-Krise auch als Probelauf für die Nachhaltigkeitsagenda gesehen werden – in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wir haben gesehen, was passieren würde, wenn die Welt aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels plötzlich von einem Tag auf den anderen stillstünde. Die Folgen wären wohl deutlich schlimmer. Es ist daher Zeit, aus der Corona-Krise zu lernen.

Den Klimawandel nicht aus den Augen verlieren

Die Bekämpfung des Klimawandels muss weiterhin ganz oben auf der politischen Agenda stehen, das ist für Politikerinnen wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen klar: Trotz Corona dürfen wir die anhaltende Klima- und Umweltkrise nicht aus den Augen verlieren. Der Europäische „Green Deal“ ist und bleibt von zentraler Bedeutung für eine widerstandsfähige wirtschaftliche Erholung nach dieser Pandemie. Die angestossenen Konjunkturprogramme sollten Umwelt- und soziale Kriterien erfüllen, um die Widerstandsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft zu stärken und den Klimawandel einzudämmen.

Auf globaler Ebene müssen wir weiter daran arbeiten, die nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO zu erreichen. Diese Pandemie hat insbesondere die sozialen Ziele der Agenda wieder stärker ins Bewusstsein gerückt. Die Armen und Schwachen sind diejenigen, die am härtesten getroffen wurden.

Zurück auf Null

Wenn die Staaten jetzt die richtigen Rahmenbedingungen setzen, kann der Privatsektor auch mittels Innovationen die Wirtschaft nach der Pandemie wieder aufbauen und damit zur langfristigen besseren Widerstandsfähigkeit beitragen. Denn Corona kann als Chance betrachtet werden, immerhin bedeutet es für viele Unternehmer einen Neustart.

Die Politik setzt hierfür erste Zeichen. Beispielsweise hat die Fluggesellschaft Austrian Airlines Staatshilfe beim Österreichischen Staat ersucht. Die grüne Umweltministerin Leonore Gewessler will die Staatshilfe an Klimabedingungen knüpfen, wie zum Beispiel ein Aus für Kurzstreckenflüge. Auch der französische Staat verbindet die finanzielle Hilfe für die Air France mit Klimaschutz-Verpflichtungen: So muss Air France die Inlandsflüge auf Strecken, auf denen eine Bahnalternative mit einer Dauer unter 2.5 Stunden besteht, drastisch reduzieren. In den USA hat der Bundesstaat New York ein Gesetz verabschiedet, um erneuerbare Energien zu fördern, und damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: den Klimawandel bekämpfen und die wirtschaftliche Erholung vorantreiben. Weiters fordert die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem „Global Energy Review“ zum Ausbau erneuerbarer Energien. Sie ruft die Regierungen der Welt auf, zur Bewältigung der Krise in saubere Technologien wie erneuerbare, effiziente Batterien und Wasserstofftechnologien zu investieren.

Es ist Zeit, Einiges zu hinterfragen

Ob die Krise langfristig positive Auswirkungen hat, hängt davon ab, wie wir sie bewältigen. Lösungsansätze der Staaten sollten Unternehmen ein innovatives Umfeld bieten. Das wäre eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltiges Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Gleichzeitig sollten wir die Chance nutzen, Mobilität neu zu denken, und die Weise wie wir arbeiten, den Konsum, unsere Ernährung und unseren Umgang mit der Natur zu hinterfragen.

Denn Nachhaltigkeit ist kein Luxus, den wir uns für bessere Zeiten aufheben können. Nachhaltigkeit sollte eine konzeptionelle Antwort auf Krisen wie diese sein. Staaten, supranationale Organisationen wie die UNO, die Zivilgesellschaft, aber auch die Wirtschaft sind jetzt gefragt: Wir müssen aus dieser Krise lernen und unser Engagement für die Umsetzung der Agenda 2030 der UNO mit den 17 Zielen der nachhaltigen Entwicklung verstärken.

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