Spenden per Kreditkarte: Wenn’s im Klingelbeutel nicht mehr klingelt

Spenden per Kreditkarte: Wenn’s im Klingelbeutel nicht mehr klingelt 

Die Kirche erfand schon vor Jahrhunderten eine frühe Form des Crowdfunding – den in den Gotteshäusern kursierenden Klingelbeutel. Während in manchen Gemeinden die Kollekte noch mit Klingelbeuteln aus dem 17. Jahrhundert gesammelt wird, setzen andere auf bargeldlose Spenden.

Mit seinem Vorschlag, Bargeld nach und nach abzuschaffen, machte sich der deutsche Ökonom Peter Bofinger in den vergangenen Wochen nicht viele Freunde. Doch manche Bereiche bereiten sich schon seit Jahren auf die Post-Cash-Ära vor, darunter sogar einige Kirchengemeinden. Im Jahr 2003 führte die evangelisch-lutherische Pastorin Karin Sandlund in ihrer Kirche im nordschwedischen Dorf Norrfjärden den bargeldlosen Klingelbeutel ein. „Viele der Kirchgänger sind junge Leute, die nur noch Kreditkarten mit sich führen“, erläuterte die Pastorin ihren viel beachteten Vorstoß. Möglicherweise konnte sie dabei auf das Know-how ihres Mannes zurückgreifen, der als Banker arbeitete. Die Umsetzung dieser Idee war ziemlich simpel: An dem traditionellen Klingelbeutel wurde einfach ein Karten-Lesegerät befestigt.

Das schwedische Beispiel machte mittlerweile Schule. Auch in einigen deutschen Kirchengemeinden klingelt nichts mehr im Beutel, seit die Gläubigen mit Karte spenden. Bedeutet dies das Ende des Klingelbeutels? Viele Geistliche wollen daran nicht so recht glauben. Es wäre auch ein Abschied von einem Jahrhunderte alten Brauch. Immerhin ist das Sammeln von Kollekten mit Klingelbeuteln so etwas wie ein archaisches Crowdfunding – also „Schwarmfinanzierung“. Nur, dass die Spenden nicht in unternehmerische, sondern eben in soziale und kirchliche Projekte fließen.

Seine Ursprünge hat der Klingelbeutel in den ersten urchristlichen Gemeinden. Damals sammelten die Kirchen allerdings noch Naturalien in Form von Brot und anderen Gaben. Der klassische Klingelbeutel aus dem 18. Jahrhundert wird in einigen Gemeinden noch immer eingesetzt. Es handelt sich um einen mit Leder gefütterten und mit silbernen Bordüren verzierten Samtbeutel, der an einem langen Stab hängt und durch die Reihen der Gläubigen gereicht wird. Der Klang der an den Klingelbeuteln befestigten Glöckchen soll angeblich an die sozialen Probleme in der Welt erinnern. Böse Zungen hingegen lästern, dadurch würden die Gläubigen nach langen Predigten ganz profan am Einschlafen gehindert.

Bis heute ist unter Juristen noch nicht abschließend geklärt, ob man aus einem Klingelbeutel Wechselgeld entnehmen darf, wenn man es gerade nicht passend hat. Klar ist nur, dass man aus dem Klingelbeutel nicht eigenmächtig Geld nehmen darf, weil man sich in sozialer Not wähnt. Mit diesem Argument verteidigte sich unlängst ein 79jähriger Belgier, der mehrfach in den Klingelbeutel gegriffen hatte. Die kirchlichen Spendengelder seien für die Armen bestimmt. Und dazu gehöre auch er, insofern dürfe er das Geld an sich nehmen, argumentierte der Belgier vor Gericht. Die Richter sahen das anders und verurteilten ihn wegen wiederholter Griffe in den Klingelbeutel zu sechs Monaten Haft auf Bewährung und 143 Euro Geldstrafe. Das brachte dem Verurteilten immerhin breite Medienpräsenz ein: Seither gilt er als der älteste Dieb des Königsreichs.

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