Kommentar: Der Erfolg von Abenomics wird von der Binnenwirtschaft abhängen 

Artikel bewerten

Ja, Japans Industrieproduktion ist im Juni tatsächlich gesunken. Das alleine sagt aber noch nichts über ein etwaiges Scheitern von Abenomics aus. Es ist sogar möglich, dass die jüngsten Industriedaten bis zu einem gewissen Grad auf den langsam einsetzenden positiven Effekt der neuen Wirtschaftspolitik hinweisen. Die Industrieproduktion sinkt nämlich seit einem Jahr ununterbrochen. Der Einbruch im Juni war aber unterdurchschnittlich. Die Intensität dieses industriellen Aderlasses scheint in den letzten Monaten endlich etwas nachzulassen. Sie wissen ja – kurz vor Sonnenaufgang ist es besonders dunkel.

Exportschlusslicht Japan muss Binnenwirtschaft beleben

Zudem sollten wir auch die anderen Daten der letzten Wochen nicht übersehen. Nicht nur wegen des Prinzips der Vollständigkeit, sondern weil «Abenomics» in erster Linie die Belebung der deflationsgeplagten Binnenkonjunktur anstrebt. Gelingt letzteres, dann wird auch die Produktion folgen. Die Exporte gegenüber den BRICs sind zwar nicht unwichtig – doch letztlich machen Japans Exporte insgesamt nur 13% seines BIP aus – damit ist Nippon gemeinsam mit den USA globales Schlusslicht in Sachen Exportlastigkeit (Deutschland liegt bei 50%, Südkorea, Taiwan, Niederland bei 65% bis 85%). Es macht für Japan daher doppelt Sinn, sich auf seine Binnenwirtschaft zu konzentrieren, statt sich mit Sorgen über einen möglichen Einbruch in China (der ohnehin nicht besonders wahrscheinlich ist) zu sehr aufzuhalten.

Erste Erfolgsindizien

Anbei jedenfalls eine Auswahl aus binnenwirtschaftlich relevanter japanischer Statistiken der jüngsten Zeit:

  • Häuserbaubeginne Juni +15.3%, gegenüber Vorjahr, höchstes Niveau seit 2008
  • Bauaufträge Juni +22%, ggü. Vj. (Durchschnitt der letzten 12 Monate: +5.5%, fünf Jahre: -1.5%)
  • Verkäufe von Wohnungen in Tokio Juni: +22%, ggü. Vj.
  • Kaufhäuserumsätze Juni, landesweit: +7.2%, in Tokio +9.4%, ggü. Vj.
  • Bargeldeinkommen der Haushalte Juni: +0.1% im Juni, ggü. Vj. (durchaus positiv, wenn man bedenkt, dass die Einkommen seit 2007 im Schnitt um monatlich 0.8% sinken)
  • Geschäftsvertrauensindikator im Mai auf dem höchsten Stand seit Sommer 2007 und +2.8% gegenüber April bzw. +11% gegenüber Dezember 2012
  • Einzelhandelsumsätze grosser Ketten im Juni +3.5%, insgesamt +1.6%

In einem Beitrag von Markus Gärtner heisst es auch: «Die Japaner beginnen mit dem Angst-Sparen». Doch dafür sehe ich kaum stichhaltige Indizien. Meiner Meinung nach ist eher das Gegenteil der Fall, denn:

  • Neukredite zur Wohnraumbeschaffung +19% im Quartal per Ende März, höchster Stand seit 2008
  • Kreditkartenfinanzierungen +7% gegenüber Vormonat – höchste Zuwachsrate seit den frühen 1990ern und deutlich über dem Durchschnittswert von -2% der letzten 10 Jahre
  • Gesamtkreditvergabe Juni +1.9%, mit stabil leicht steigender Tendenz (Durchschnitt des Jahrzehnts, -0.3%)

Die Bankeinlagen haben sich allerdings seit Ende 2012 tatsächlich rund verdoppelt. Sie steigen aber schon seit 2008 stetig – und der auffällig starke Anstieg in diesem Jahr könnte ebenso gut die Folge der rekordträchtigen Repatriierung japanischen Kapitals aus dem Ausland sein (d.h. von Gewinnmitnahmen). Immerhin haben die Japaner zwischen Dezember und März Rekordsummen ausländischer Aktien und Anleihen verkauft. Zudem könnte die stark erhöhte Geldmenge der Bank of Japan über den einen oder anderen Bankenkredit den Weg zurück in das Banksystem gefunden haben – als Einlage. Des einen Schulden sind bekanntlich des anderen Vermögen. Angesichts des Gesamtbildes erscheint es mir doch etwas übertrieben, von «Angstsparen» zu sprechen.

Starkes sozioökonomisches Fundament

Zum Abschluss noch ein Punkt: Meiner Ansicht ist das Fundament der japanischen Volkswirtschaft nicht schwach – sondern sehr solide. Es ist technologisch innovativ, industriell hoch entwickelt und die Gesellschaft ist insgesamt sehr wohlhabend. Die Japaner neigen zudem dazu, sowohl sozial als auch sehr langfristig zu denken. Ich halte das für eine Stärke, auch wenn dies Zwischendurch – wie in den letzten 15 Jahren – die Staatsfinanzen stark belastet. Das Vertrauen der Bürger in die Institutionen des Staates (dazu gehört auch die Währung) ist meinem Empfinden nach sehr hoch. Schwach und zerbrechlich war (und ist) hingegen das Vertrauen in die Regierung und Wirtschaftspolitik – und zumindest Letzteres soll sich mit «Abenomics» ändern. Das wird mit Sicherheit nicht leicht sein und es kann selbstverständlich auch scheitern. Doch die bisherigen Indizien sprechen tendenziell für eine Entwicklung, die in die richtige Richtung geht.

Leselinks:
Lesen Sie hier eine detailliertere Analyse zur Entwicklung von «Abenomics»: «Wird Abenomics scheitern?»

Weitere Empfehlungen:
Chinas Kreditpolitik und Asiens Performanceschwäche
Abenomics hat ein Gesicht bekommen

Es gibt 1 Kommentar zu diesem Artikel
  1. Pingback: Wird «Abenomics» scheitern? « LGT Finanzblog

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.