Als es Krankengeld aus der Büchse gab

Als es Krankengeld aus der Büchse gab 

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Die erste «Krankenversicherung» bestand aus einer schlichten Blechbüchse, in die Bergleute jede Woche einen Pfennig (Krankengeld) werfen mussten.

Es gibt erstaunliche Beispiele, wie einfach früher komplexe Dinge wie zum Beispiel die Krankenversicherung geregelt wurden. So mussten Bergleute Anfang des 15. Jahrhunderts am Ende einer langen Arbeitswoche von ihrem Lohn einen Solidarbeitrag in Höhe von einem Pfennig in eine Blechbüchse einzahlen. Umgerechnet entsprach das damals etwa einem Prozent des Lohns. Die «Lohnnebenkosten» erschienen seinerzeit also noch sehr moderat. Die ersten Büchsenkassen entstanden am Rammelsberg bei Goslar, der mittlerweile zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt. Man könnte sie als eine sehr einfache Ur-Form des heutigen Krankenversicherungssystems bezeichnen, denn mit den Einnahmen aus diesen Kassen wurden kranke Bergleute unterstützt und Hilfen an Witwen und Waisen gezahlt, deren Ehemänner oder Väter unter Tage ums Leben gekommen war.

Wer sich weigerte, seinen Büchsenpfennig zu entrichten, wurde von der Schicht ausgeschlossen. Es bestand also durchaus eine Art Versicherungspflicht. Weil die Pfennige der Arbeiter nicht ausreichten, zahlten später auch die Bergwerksbetreiber und die Landesherren in die Kasse ein. Auf diese Weise entstanden die ersten Knappschaftskassen, die sich bald als sehr kreativ erwiesen, wenn es galt, die Kassen zu füllen. Teilweise betrieben die Knappschaften sogar eigene Lotterien.

Erst viel später entstanden in Europa weitere Vorsorgeeinrichtungen. So wurde 1836 in Griechenland eine freiwillige Kasse für Seeleute gegründet. In Frankreich wiederum kamen ab Mitte des 19. Jahrhunderts die sogenannten Mutuelles auf, bei denen es sich im Prinzip um genossenschaftliche Vereinigungen handelte. Diese sicherten ihre Mitglieder gegen Lebensrisiken wie Krankheit und Invalidität ab. In Großbritannien wurden die ersten Friendly Societies aus der Taufe gehoben, die auch Hilfe im Alter versprachen, wobei nach damaliger Definition bereits 50jährige zum «alten Eisen» zählten.

Ende des 18. Jahrhunderts wurden vor allem in den industrialisierten Gegenden der Schweiz die ersten Hilfskassen gegründet. Im Jahr 1888 gab es bereits knapp 1100 solcher Kassen, die in den meisten Fällen von Berufsverbänden, Arbeitgebern oder Gewerkschaften getragen wurden. Die Mitglieder der Kassen zahlten regelmäßig eine Prämie und erhielten dafür im Krankheitsfall oder bei Invalidität ein kleines Tagegeld. Einige dieser ehemaligen Hilfskassen mutierten viele Jahre später zu professionellen Versicherungsunternehmen.

Aus diesen Anfängen heraus entstanden im Laufe der Zeit die heute üblichen privaten und gesetzlichen Krankenversicherungs-Systeme. Die mögen sich zwar nicht mehr mit einem Büchsenpfennig begnügen, doch dafür ist ein 50jähriger dank der Fortschritte der Medizin heute ein Mann in den besten Jahren – und noch Jahrzehnte vom Greisenalter entfernt.

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