Kreislaufwirtschaft: Konjunktur für neues ökonomisches Denken

Kreislaufwirtschaft: Konjunktur für neues ökonomisches Denken 

Stellen wir uns ein Unternehmen vor, das fast die Hälfte seiner Produkte nach der Herstellung weg wirft, obwohl sie einwandfrei und fehlerlos sind. Mehr noch: Unser fiktives Unternehmen führt den Ausschuss an Produkten selten einer Zweitverwertung zu, sondern entsorgt ihn als Abfall und übernimmt die Folgekosten nur zu einem geringen Teil.

Würden wir ein solches Unternehmen für wirtschaftlich halten? Oder unser Geld in dieses Unternehmen investieren? Vermutlich würden die meisten von uns das Konzept dieser «Firma Ex & Hopp» als absurd beurteilen. Doch genau dieses Konzept verfolgen viele entwickelte Volkswirtschaften. Alleine im Nahrungsmittelbereich wird in Ländern wie der Schweiz, Deutschland oder Österreich fast genauso viel verbraucht, wie weggeworfen. Wirtschaftlich ist das kaum, aber derzeit noch möglich.

Die (Un-)Ökonomie der Wegwerfgesellschaft

Am 13. August fand der diesjährige «World Overshoot Day» statt, der Tag des Jahres, an dem die Menschheit ihr natürliches Limit an Rohstoffkonsum aufgebraucht hat. Noch im Jahr 1989 erreichte die Menschheit dieses Limit erst am 19. Dezember. Gemessen an den endlichen Ressourcen benötigen wir heute mehr als 1.5 Erden, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Die Schweizer benötigen sogar 2.82 Erden pro Jahr, obwohl uns nur eine Erde mit endlichen Möglichkeiten zur Verfügung steht. Trotz allen Anstrengungen steigen die CO2-Emissionen nach wie vor und werden sich erst ab 2030 vermindern. Wir leben also auf Pump und unsere «Kreditgeber» sind die kommenden Generationen, deren Ressourcen wir bereits vorkonsumieren.

Mit der Kreislaufwirtschaft den Wegwerf-Bann durchbrechen

Das Prinzip der Kreislaufwirtschaft ist nicht neu. Thomas Malthus erwähnte das Prinzip der so genannten Circular Economy zum ersten Mal im 18. Jahrhundert in seinem Werk «An essay on the principles of Population». Darin behauptete er, dass das Bevölkerungswachstum dazu führt, dass die Fähigkeit der Erde verringert wird, ihre Bevölkerung zu ernähren. Doch es dauerte bis in die 1970-er Jahre, bis die Staaten begannen, sich darüber Gedanken zu machen. Das Prinzip ist ganz einfach: Die eingesetzten Rohstoffe sollen am Ende des Lebenszyklus eines Produkts möglichst vollständig in den Produktionsprozess zurückgelangen und dabei sollen weder Ausschuss noch Abfall zurück bleiben. Eine wichtige Rolle spielt in der Kreislaufwirtschaft das Wiederverwerten von Gütern, um Abfallprodukte als Sekundärrohstoffe zu wiederverwerten.

Paradigmenwechsel: In Kreisläufen denken

Kreislaufwirtschaft ist auf lange Sicht ebenso ökonomisch, wie unser derzeit noch dominierendes System. Dies, weil alle Folgekosten bereits bei der Produktion berücksichtigt werden. Die wichtigste Umstellung findet dabei im Kopf statt: Wir müssen lernen, in Kreisläufen zu denken und die bislang endlichen Prozesse der Wegwerf-Gesellschaft neu zu definieren. Beispielsweise werden Städte als Rohstoffminen angesehen. Dafür wurde der Begriff Urban Mining geprägt. Bei Urban Mining geht es um den Abbruch und Rückbau von Gebäuden und der Wiederverwertung der darin enthaltenen Rohstoffe. Auch Fahrräder oder Waschmaschinen, die früher auf Deponien entsorgt wurden, werden dazu gezählt.

Das Konzept der Kreislaufwirtschaft beendet das Denken in Deponien und Abfällen und versucht, alle Ressourcen wieder in die Produktion und Verwertung zu integrieren. Wenn man bedenkt, dass der Hunger nach Rohstoffen steigt und die Rohstoffknappheit dem Wachstum von Gesellschaften Grenzen setzt, wird schnell klar, dass es sich bei dem Konzept nicht um eine schöne Idee, sondern um eine ökonomische und ethische Notwendigkeit handelt. Seit der Jahrtausendwende hat das Konzept der Kreislaufwirtschaft stark an Bedeutung gewonnen. In vielen Ländern, Industrie- wie Entwicklungsländern, wird das System heute bereits umgesetzt.

Es gibt bereits Investoren, die aus Unternehmen aussteigen, die sich dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft verschliessen. Diese stellen aber eine Minderheit dar. Die meisten Investoren haben zu wenig Kenntnis über das Konzept und die damit verbundenen Chancen. Sie assoziieren die Kreislaufwirtschaft mit Ökologie und verbinden damit tiefere Renditemöglichkeiten. Das muss aber nicht sein. Daher ist wichtig, dass die Investorengemeinde über das Konzept aufgeklärt wird und sie die Chancen erkennt.

Es gibt 4 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Peter Romanowski at 10:50

    Grundsaetzlich koennen Unternehmen im Wettbewerb nur ueberleben, wenn sie effizient arbeiten.

    In der Tat gibt es noch viel zu wenig Unternehmen, die der Vermeidung von Abfaellen einen hohen Stellenwert im Rahmen ihrer ESG Strategie einraeumen. Wenn an Umweltfaktoren in diesem Zusammenhang gedacht wird, dann primaer in die CO2 Emissionsreduzierung direkt oder ueber die Produkte und Serviceleistungen. Die Reduzierung von Wasserimporten und Abfaellen steht selten im Fokus der Strategie, geschweige denn ein Kreislaufkonzept. Da Rohstoffe derzeit guenstiger werden, besteht auch in vielen Unternehmen kein oekonomischer Anreiz, etwas zu aendern.
    Das Klima hat nun eine Lobby, die Boeden und Ressourcen offensichtlich in einer von Preisen geregelten Gesellschaft noch nicht.
    In Deutschland wird Ihr Thema der Kreislaufwirtschaft von Prof. Baumgart, dem Vater des Cradle-t-Cradle Desogn-Konzepts, vorangebracht.

    Wir werdem diesem Konzept, wo es moeglich ist, als Private Equity Investor nachgehen und hoffen viele Nachahmer zu finden.

    • Ursula Finsterwald
      Ursula Finsterwald at 12:04

      Lieber Herr Romanowski
      Besten Dank für Ihren Kommentar. Es ist leider so, wie Sie es schreiben: Viele Investoren, geschweige denn produzierende Unternehmen berücksichtigen das Kreislaufkonzept. Dies wird sich hoffentlich in Zukunft ändern, Investoren müssen aber sicher auch in diesem Bereich ihre Verantwortung übernehmen. Es freut mich zu lesen, dass Sie als PE Investor hier bereits einen Schritt weiter sind. Lassen Sie mich wissen, wie Sie es umgesetzt haben und wie die Unternehmen darauf reagieren.

      Freundliche Grüsse

      Ursula Finsterwald

  2. Matthias Müller at 15:00

    Merci für den Beitrag. Halte ich für das zentrale Konzept in der aktuellen Diskussion um die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft. Und ein weiterer Beweis dafür, dass „learning from nature“ fast immer funktioniert. Produziert Natur Abfall?
    In meinen Begegnungen und Gesprächen mit CEO’s der produzierenden Industrie ist zwar Sensibilität gegenüber dem Thema zu entdecken. Aber es fehlt noch die kräftige „Anschubhilfe“, um tatkräftig ins Thema einzusteigen – und zum Beispiel Rücknahme-Prozesse für Produkte und Verpackungen aufzusetzen.
    Irgendwann wird wohl doch die Regulation auf diesem Gebiet zunehmen. Ich sehe aber auch grosses Potenzial seitens der Investoren, die dieses Thema vorwärts bringen können – sie investieren ja in Firmen, Menschen und Produkte. Sie könnten daran interessiert sein, dass der Kundenkontakt – nämlich das Produkt – am „Ende“ nicht einfach verbrannt wird, sondern sinnvoll „weiterlebt“ und damit die Value Chain erweitert wird.

    • Ursula Finsterwald
      Ursula Finsterwald at 16:33

      Lieber Matthias

      Besten Dank für Deinen Kommentar. Das Konzept wird leider erst vereinzelt eingesetzt, doch bin ich zuversichtlich, dass der Einsatz in Zukunft zunehmen wird. Wie Du aber richtig festhältst, wird es wohl ohne regulatorische Entwicklung nicht gehen. Wir sollten am Ende eines Produktzyklus nicht an Abfall denken, sondern an Wertstoff. Die günstigen Rohstoffe helfen dem Konzept auch nicht. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass in der Gesellschaft ein Umdenken stattfindet; das dauert aber länger als einem vielleicht lieb ist.

      Viele Grüsse
      Ursula

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