Die Kurve, die die USA veränderte

Die Kurve, die die USA veränderte 

Wenn der Staat mehr Geld braucht, erhöht er die Steuern. Ganz falsch, erklärte 1974 ein amerikanischer Ökonom: Das genaue Gegenteil sei richtig. Von der Karriere einer paradoxen Theorie.

Die Herren im Nobelrestaurant „Two Continents“ in Washington DC bestellten Steak. Es war eine illustre Runde an diesem Herbstabend des Jahres 1974: Am Tisch sassen der Republikaner Donald Rumsfeld, Stabschef des Präsidenten Gerald Ford, sein Stellvertreter Dick Cheney, der Journalist Jude Wanniski und der junge Ökonom Arthur B. Laffer. Der Anlass für das Dinner war durchaus unerfreulich: Als Ford nach Watergate und dem unrühmlichen Abgang Richard Nixons ins Amt des US-Präsidenten nachgerückt war, herrschte Stagflation, und Ford hatte keine Idee, wie der Krise beizukommen war. Das alles beherrschende Thema im „Two Continents“ war die erdrückende Rezession, und so nahm Laffer, dessen Expertise ganz besonders gefragt war, einen Stift und eine Serviette zur Hand und zeichnete eine Kurve, die als „Laffer-Kurve“ Berühmtheit erlangen sollte.

Tiefere Steuern, höherer Steuerertrag

Jedes Kind weiss, dass der Steuersatz bestimmt, wie viel Geld an den Staat geht – je höher der Satz, desto höher der Steuerertrag. Alles Quatsch, erklärte Wirtschaftsexperte Laffer seinen verblüfften Tischgenossen. Seine Kurve zeigt einen nach links offenen Bogen über der X-Achse, die das Steueraufkommen darstellt; die Senkrechte zeigt den Steuersatz. Der Bogen schneidet die Y-Achse bei 0 und bei 100 Prozent und macht damit die zentrale Aussage klar: Für jeden möglichen Steuerertrag eines Staates gibt es zwei mögliche Steuersätze – einen tiefen und einen hohen. 1974, auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise, war das wirtschaftspolitisches Dynamit, weil es bedeutete, dass eine Steuersenkung nicht nur keine Ertragseinbusse bedeuten musste, sondern sogar ein Plus an Steuereinnahmen zur Folge haben könnte.

Der Spitzensteuersatz muss runter, ganz weit.

„Der Spitzensteuersatz muss runter, ganz weit. Das muss ein spektakuläres Signal geben. Dann springt die Wirtschaft an, die Arbeitslosen verschwinden von den Strassen, und die Staatskassen füllen sich“, fasste Laffer später gegenüber dem „Spiegel“ seine Theorie zusammen.

US-Staatsverschuldung explodiert

Tiefere Steuern und dennoch mehr Staatseinnahmen: Das klang nach der Quadratur des Kreises, und die verblüffende Kurve verbreitete sich unter Amerikas Republikanern wie ein Virus. Als ganz besonders empfänglich erwies sich 1981 der frischgebackene US-Präsident Ronald Reagan: Er machte die Laffer-Kurve zu einem Pfeiler seiner „Reaganomics“ genannten Wirtschaftspolitik. Mit dem „Economic Recovery Tax Act“ senkte seine Regierung den Spitzensteuersatz der Einkommenssteuer von 70% auf weniger als die Hälfte, auch die Unternehmens- und Kapitalgewinnsteuern wurden stark reduziert. Die unvermeidliche Folge: Die Staatseinnahmen fielen zusammen, um erst später – und langsamer als zuvor – wieder anzusteigen. Was dagegen in die Höhe schoss, waren die Defizite: Die Staatsverschuldung stieg in astronomische Höhen – von knapp über 900 Milliarden Dollar vor Reagans Amtsantritt auf gegen drei Billionen am Ende seiner Amtszeit. Der Staatshaushalt der USA war ruiniert, und mit ihm auch der Ruf der Laffer-Kurve.

Nicht nur zu Recht. Denn wenn die Steuern steigen, überlegt sich ein Arbeiter ernsthaft, sich anzustrengen und Vorarbeiter zu werden, als wenn die Steuern einen grossen Teil der Lohnerhöhung gleich wieder wegfressen. Die entscheidende Frage ist also, an welchem Punkt das steuerliche Optimum für Staat und Steuerzahler liegt. Auf Laffers Serviette lag dieser Punkt der Einfachheit halber genau in der Mitte, bei 50% – über die tatsächliche Höhe werden bis heute Glaubenskriege ausgetragen. Unbestritten ist, dass Reagans Steuerschuss nach hinten losging, und das stritt später selbst Mitkämpfer Laffer nicht ab. Der Grund für die Schuldenexplosion machte er indessen nicht bei seinem Paradox aus, sondern vielmehr darin, dass Reagan die Steuerreform unnötig lange hinausgezögert habe.

Ob die Story von der Serviette auf dem Tisch des „Two Continents“ den Tatsachen entspricht, ist heute nicht mehr zu eruieren. Zwar findet sich in der Sammlung des National Museum of American History tatsächlich eine Stoffserviette, die das Datum des 13. September 1974, die Widmung „to Don Rumsfeld“ sowie Laffers Unterschrift trägt, doch der Zeichner selbst wollte sich später nur noch vage an das Treffen erinnern. Im Übrigen habe er seine Kurve niemals auf eine Stoffserviette gezeichnet; er sei anders erzogen worden.

Leselinks
– Frankfurter Allgemeine Zeitung: Hohe Steuern lohnen sich nicht immer
– Der Spiegel: „Machen Sie die Armen reich“

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