Lehren aus der Vergangenheit

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Höhere Zölle haben oft unerwartete Auswirkungen. Ein gutes Beispiel liefern die Corn Laws aus dem 19. Jahrhundert.

Bevor Trump über höhere Importzölle nachdenkt, sollte er über mögliche Konsequenzen nachdenken und einige Lehren aus der Geschichte beherzigen. Vor etwa 200 Jahren haben Importzölle nämlich beinahe den Niedergang der damaligen Britischen Regierung verursacht. 1815 fand Napoleon’s Herrschaft ein Ende und in Europa kehrte Frieden ein. Wie sich herausstellte, brachte der Frieden aber genauso wirtschaftliche Probleme mit sich wie der Krieg. Rund 300 000 Soldaten wurden plötzlich nicht mehr gebraucht und kehrten in die Heimat zurück, um Arbeit zu finden. Die Nachfrage nach Stahl für die Waffenproduktion sank, worauf die Stahlpreise einbrachen. Die industrielle Revolution begann. Textilien wurden nicht mehr in Handarbeit gewebt sondern maschinell. Die Landwirtschaft war aber immer noch ein wichtiger Arbeitgeber und der Schlüssel zum Wohlstand der herrschenden Gesellschaftsklasse. Als sich in Europa der Handel ausweitete, drückten die billigen Importe den Getreidepreis in England nach unten. Im Jahre 1815 wurden die „Corn Laws“ erlassen, welche einen Zoll auf importiertes Getreide vorschrieb, sofern der Preis nicht über 80 Schillinge pro Einheit ausmachte, was weit über dem Marktpreis lag. Zu dieser Zeit war Brot das Hauptnahrungsmittel der Arbeiterklassen. Der resultierende Anstieg des Brotpreises war unpopulär, doch das Parlament wurde von den Landbesitzern kontrolliert, welche von den höheren Preisen profitierten. Das neue Gesetz wurde so präsentiert als ob es „im Interesse der nationalen Sicherheit“ wäre. Für den grössten Teil der vorangegangenen 100 Jahre war England im Krieg und der Import von Gütern war schwierig. Somit wurde eine sichere regionale Nahrungsmittelproduktion als wichtig erachtet.

Die höheren Brotpreise führten im März 1817 zu einem der ersten Protestmärsche, dem sogenannten „Blanket March„. Angeführt von einer Gruppe von Webern aus Lancashire marschierten 5 000 „Blanketeers“ in Richtung London. Alle hatten eine Decke dabei, die ihr Handwerk symbolisierte und zum Schlafen diente. Als Reaktion wurde ein Gesetz entworfen, das ein universelles Stimmrecht vorsah und den Einfluss von Landbesitzern auf das Parlament reduziert hätte. Dieses Gesetz wurde aber abgelehnt. Schliesslich versammelten sich die „Blanketeers“ und weitere rund 25 000 Schaulustige in Manchester. Als die Anführer verhaftet wurden, liefen die Demonstranten davon, wurden aber von der Kavallerie verfolgt und die meisten verhaftet. Viele von ihnen wurden ohne Anhörung festgehalten und im Geheimen verhört. Die Proteste gingen aber weiter und im Jahre 1819 wurden 15 Menschen getötet und mehrere hundert verletzt als die Kavallerie eine Gruppe von 80 000 Menschen angriff. Dieser Angriff wurde später unter dem Namen „Peterloo Massacre“ bekannt.

Peterloo Massacre

Peterloo Massacre by Richard Carlile (1790–1843)

Trotz des grossen Drucks von der Strasse, blieb die Regierung zunächst standhaft. Erst 30 Jahre später, am 31. Januar 1846, wurden die „Corn Laws“ endgültig abgeschafft, vor allem auf Druck reicher Industrieller, die ihren Arbeiten wegen der höheren Brotpreise nicht höhere Löhne zahlen wollten. Die Abschaffung der Zölle führte zu einem markanten Wachstum des Handels. Die Welthandelsorganisation und verschiedene regionale Handelsvereinbarungen sind das moderne Resultat daraus. Die Rückkehr zu höheren Handelszöllen und die Anti-Globalisierungsbewegung, drohen den Fortschritt der letzten 170 Jahren zunichte zu machen. Eine mögliche Lehre daraus für heute: Wenn Zölle zwar zu höheren Unternehmensgewinnen aber gleichzeitig auch zu höheren Preisen im Alltag führen, wird das bei amerikanischen Arbeitern nur noch mehr Unzufriedenheit verursachen.

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Jürgen Braatz at 10:11

    Schöner Beitrag mit einem Schönheitsfehler am Schluss. Die Industriellen wollten die Löhne senken, was sie auch sofort taten, nachdem die Zölle abgeschafft worden und die Brotpreise gesunken waren.

  2. Pingback: Artikel über Wirtschaft und Investment 21.5.17 | Pipsologie

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