Liquidität ist ein ganz besond’rer Saft

Liquidität ist ein ganz besond’rer Saft 

In der Vermögensanlage haben zahllose Unwägbarkeiten Einfluss auf den Erfolg, die sich dem Anleger nicht auf den ersten Blick erschliessen. Die Liquidität erklärt ihre Wesensart jedoch bereits durch ihren Begriff. Liquidität bezeichnet flüssige Mittel und die Möglichkeit, einen Vermögenswert in ebensolche zu verwandeln. Wenn das problemlos gelingt, ist es ein Zeichen ausreichender Marktliquidität, und die wenigsten Anleger sorgen sich darum. Wird Liquidität jedoch zum Diskussionsthema unter den Marktteilnehmern, ist dies kein gutes Zeichen. Es deutet darauf hin, dass ein grundlegender Schmierstoff für das Funktionieren der Märkte knapp zu werden droht.

Marktliquidität hat tatsächlich viel von einem Fluss: Sie wird sich stets den einfachsten Weg talwärts suchen und nicht unbedingt dorthin fliessen, wo sie am meisten gebraucht wird.

Um diese Erfahrung sind seit Ende September diejenigen Anleger reicher, die Anleihen oder Aktien von Glencore in ihrem Portfolio hielten. Zwar war bereits seit einiger Zeit bekannt, dass das Unternehmen zur Verbesserung seiner Kapitalausstattung seine operativen Tätigkeiten reduzieren und Geschäftsbereiche verkaufen wollte, um eine Runterstufung der Kreditratings zu vermeiden. Als jedoch am 28. September drei Analysten für Minenaktien der Bank Investec die Befürchtung äusserten, dass die Glencore-Aktie schlichtweg ausradiert werden könnte, sollten die Rohstoffpreise weiterhin so niedrig bleiben, führte dies zu heller Panik unter Aktien- wie Anleiheanlegern.

Auch grosse Unternehmen können volatil sein

Zwei Dinge zeigten sich an diesem Tag eindrucksvoll:

Die generelle Nervosität vieler Anleger, die an einem einzigen Börsentag 4 Milliarden Pfund Marktkapitalisierung eines FTSE-100-Unternehmens vernichtete, nicht weniger als 30 Prozent seines Börsenwerts. Als Auslöser genügten die drastischen, wenn nicht gar überzogenen Aussagen eines mittelgrossen unabhängigen Research-Hauses, gepaart mit einer grundsätzlich negativen Marktstimmung, die unter anderem auf schwache Zahlen zur Gewinnentwicklung chinesischer Industrieunternehmen zurückzuführen war.

Darüber hinaus zeigte sich wieder, wie sich Kursausschläge verstärken, wenn im Markt keine ausreichende Liquidität vorhanden ist. Glencores im Dezember 2018 fällige Frankenanleihe zum Beispiel kam in den Tagen vor Veröffentlichung der Investec-Studie auf einen Umsatz von rund 1 Million Franken pro Tag. An den Tagen danach hatte sich das Tagesvolumen der gehandelten Anleihen verfünffacht. Im Vergleich zu den an ruhigen Tagen gehandelten Volumina hatte es sich sogar verzehnfacht.

Auch die Volatilität erreichte an diesen Tagen extreme Höhen: Ausgehend von rund 90 Prozent am Morgen fiel der Preis der Anleihe zeitweise auf 80 Prozent, um dann in einer Spanne bis 88 Prozent zu oszillieren. Derartige Intraday-Schwankungen wären selbst für Aktien ungewöhnlich, bei Obligationen sind sie dagegen ein klares Zeichen für unkontrollierte Panik unter den Anlegern. Seitdem ist der Kurs wieder auf knapp 96 Prozent angestiegen, zum Teil in ähnlich rasanter Fahrt und mit ähnlichen Ausschlägen bei den Umsätzen.

Übermässige Liquidität begünstigt Fehlallokationen

Auch auf längere Sicht ist die Steuerung des Liquiditätsflusses schwierig, wie sich am Beispiel der Schwellenländer zeigen lässt. Über viele Jahre waren die Schwellenländer das Ziel von Investitionen, weil die Anleger praktisch unbesehen davon ausgingen, an deren dynamischen Wachstum teilhaben zu können.

Dies führte zum einen dazu, dass in vielen Ländern Strukturreformen nicht angegangen wurden, weil das Geld ja auch so überreichlich strömte. Zum anderen befeuerte der Kapitalzufluss den Verschuldungsgrad der meisten Schwellenländer. Eine steigende Verschuldung wiederum war die Grundlage für die starke Nachfrage dieser Länder nach Rohstoffen und Produkten aus den Industrieländern.

Problematisch wurde dies, als der Kapitalfluss in die Schwellenländer versiegte. Nun sind viele Länder in einem deutlich schwächeren konjunkturellen Umfeld gezwungen, jene Reformen durchzuführen, die sie zuvor auf die lange Bank geschoben hatten. Gleichzeitig müssen die zuvor aufgenommenen Kredite zurückbezahlt werden. Entsprechend wird weniger konsumiert und importiert. Hinzu kommt die gestiegene Gefahr eines Finanzschocks, welcher, etwa durch den Ausfall eines grösseren regionalen Finanzakteurs, in einem angespannten Umfeld umso leichter globale Kreise ziehen kann.

Dies erklärt die Angespanntheit vieler Anleger, auch wenn ein Unternehmen wie Glencore, trotz seiner verzweigten Handelsaktivitäten, kaum geeignet ist, einen solchen Finanzschock hervorzurufen. Solange nicht eine Investmentbank wie Lehman Brothers oder ein Hedgefonds wie LTCM ins Schlingern gerät, sei Anlegern in turbulenten Zeiten eine volkstümliche Verwendung von Liquidität anempfohlen: In Form von Tee lässt sie sich trinken, während man schlicht abwartet.

Leselink:

Analysts at eye of Glencore storm speak of their ‘boldest call’

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