Marktausblick: Kurs halten

Marktausblick: Kurs halten 

Die Börsengötter zeigen sich derzeit gnädig, und die Märkte bewegen sich mehr oder weniger wie in meinem letzten Beitrag im August angenommen. Damals habe ich empfohlen, in Aktien einzusteigen. Inzwischen hat der S&P 500 ein neues Allzeithoch erklommen. Nun gilt es, einen Stopp-Loss zu setzen und Kurszuhalten.

Die makroökonomischen Daten haben sich im Laufe der letzten Monate – wie erwartet – weiter abgeflacht. Insbesondere die verarbeitenden Industrien Europas und der USA scheinen zum Teil mit einer Rezession zu flirten. Der Internationale Währungsfonds reduzierte seine Prognose für das globale Realwachstum zuletzt zum fünften Mal in Serie und rechnet nur mehr mit einem Wachstum von 3 Prozent in diesem Jahr – das schwächste Ergebnis seit der globalen Rezession von 2009. Neben den üblichen spätzyklischen Risiken belastet eben auch der Handelskrieg die Wirtschaft deutlich.

Zugleich waren die Gewinnschätzungen der Analysten für die Unternehmen kurz vor Beginn der letzten Berichtssaison in den negativen Bereich gesunken und diverse Marktdaten und Umfragen signalisierten, dass sich (zu) viele Investoren bereits zu vorsichtig positioniert haben. Mitte Oktober zeigte eine Umfrage einer grossen globalen Investmentbank unter ihren institutionellen Kunden beispielsweise auf, dass die „Bären“ eindeutig dominieren und gewisse Indikatoren (wie z.B. Cashquoten) sogar eine „extreme Angst“ signalisieren.

Märkte reagieren anders als gewohnt

In einer solchen Situation kommt es typischerweise dazu, dass die Finanzmärkte auf schlechte Nachrichten nicht mehr negativ reagieren (weil es zu wenig potenzielle Verkäufer gibt) und dafür selbst bei nur geringfügig positiven Überraschungen deutlich nach oben ausschlagen (aus ebendiesem Grund). Im Extremfall steigen sie bei anhaltend schlechten News sogar, weil es einfach keine Verkäufe mehr gibt – alle Baissiers haben nämlich den Markt schon verlassen und können die Preise nicht mehr signifikant beeinflussen. Somit klettern die Kurse weiter, auch ohne besonderen Grund, weil die Nachfrage das Angebot übersteigt.

Das neue Allzeithoch im S&P 500 dürfte also viele Anleger auf dem falschen Fuss erwischt haben. Sie müssen nun Short-Positionen schliessen oder Aktienquoten erhöhen, um nicht weiter hinter den Markt zurückzufallen. Dazu kommt die jüngste relative Stärke der Schwellenmärkte, die ebenfalls nicht im Einklang mit der jüngsten Positionierung der Anleger lag.

Makrodaten könnten bald wieder positiv überraschen

Wie geht es weiter? Bisher plädierte ich immer wieder für ein antizyklisches Verhalten – bei Stärke verkaufen und bei Schwäche kaufen. Im aktuellen Umfeld würde ich aber nicht mit einem dauerhaften Rückfall auf die Niveaus vom August rechnen, aus dem oben erwähnten Ungleichgewicht.

Ich halte es zudem für wahrscheinlicher, dass sich die ökonomischen Daten zuerst in den Schwellenländern und anschliessend auch in den Industrieländern stabilisieren und sogar erholen werden. Grund zur Annahmen ist, dass inzwischen praktisch alle Notenbanken begonnen haben, die Geldpolitik schneller als erwartet zu lockern. Das gilt nicht nur für die Federal Reserve in den USA und die Europäische Zentralbank. Die zwölf grössten Schwellenländer haben seit Mitte Jahr die Leitzinsen mehr als 50 Mal gesenkt – so häufig wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Erfreulicherweise zeigen sich die Währungen der Schwellenmärkte seitdem trotzdem stabil bis stärker. Damit dürfte sich auch die Konjunktur in diesen Regionen erholen. Handelskrieg hin oder her: Die Makrodaten könnten in naher Zukunft – entgegen aller Warnungen des IWF – positiv überraschen.

Fazit: Ich würde nun ein enges Stopp-Loss-Limit bei etwa fünf Prozent unter dem aktuellen S&P 500 setzen und investiert bleiben. Die Börsen dürften einen guten Jahresabschluss liefern – ob der darin enthaltene Optimismus gerechtfertigt ist oder nicht – das werden wir Anfang 2020 besser beurteilen können.

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